
Unerwartetes Wiedersehen und Hindernisse
Gegen 04:00Uhr werde ich wieder munter. In der Wohnung über uns ist starke Bewegung, bis ich etwa eine dreiviertel Stunde später höre, wie jemand eine Treppe hinabsteigt. Kurz darauf klappen draußen Autotüren und ein Wagen braust davon. Da muss wohl jemand sehr zeitig auf Arbeit.
Danach falle ich nur noch in einen unruhigen Schlummer. Als ich schließlich gegen 06:00Uhr Sabine wecke, bin ich immer noch müde. Was mich aber aufmuntert, ist ein Blick ins Postfach und auf die Kontobewegungen von PayPal. Die doppelte Buchung wurde zurücküberwiesen!
Wir brühen uns Instandkaffee auf und frühstücken in Ruhe. Währenddessen schreibt Sabine schon wieder mit Stefan hin und her. Der kann erst 08:00Uhr frühstücken und möchte sich dann mit uns an der Kirche treffen, um wieder gemeinsam zu laufen. Das widerspricht aber unserem Plan, dem Regen so gut es geht zu entgehen. Ab 11:00Uhr soll es mit den Niederschlägen losgehen und da wollen wir dem Ziel schon so nahe wie möglich sein. Laut Booking können wir auch schon ab 13:00Uhr in unser Quartier, was uns in jeder Form heute recht wäre. Einmal wegen dem Regen und dann hätten wir auch noch Ruhe und Zeit, um uns um weitere Quartiere zu kümmern.
Auch für Stefan wäre das nicht sinnvoll, denn seine jetzige Unterkunft ist circa 2km in Richtung unseres Zieles. Er müsste also noch einmal zurücklaufen. Wir kämen daher sicher nicht vor 09:30Uhr auf den Weg, etwas, was mir ganz und gar gegen den Strich geht.
Sabine schreibt ihm deshalb, dass wir bald aufbrechen wollen, um so lange wie möglich ohne Regen zu laufen und dass wir ja am nächsten Tag wieder gemeinsam weiter gehen könnten.
Freuen wird ihn das sicher nicht, aber wir wollen uns auch nicht in jeder Beziehung auf ihn einstellen müssen.

Wir sind wieder einmal unabhängig und allein, also können wir unseren Rhythmus einhalten. Kurz vor 08:00Uhr brechen wir auf und kommen auch gut voran. Begünstigt wird das dadurch, dass es kaum nennenswerte Steigungen gibt. Das Wetter meint es anfänglich sehr gut mit uns, denn es ist nicht so warm wie an den vorangegangenen Tagen. Sabine zieht am Morgen sogar ihre dünne Jacke an.
Der Weg führt am Rand der weiten Ebene entlang die wir am Vortag schon gesehen haben. Rechts von uns ist der Höhenrücken, den wir gestern überwunden haben und links die Ebene. Die erinnert ein bisschen an das Nördlinger Ries, auch wenn die Besiedelung dort nicht so dicht ist.
Nur eine größere Pause gestatten wir uns. Die zweite fällt sehr kurz aus, weil die Wolken immer dichter werden. In der Ferne sieht man schon, wie sie sich an den Hängen in Streifen abregnen.

Mit Stefan wäre ein solcher Marsch nicht möglich und ich bin sehr froh, dass wir heute allein unterwegs sind. Ich genieße das regelrecht und Sabine gefällt es auch, obwohl sie sich Gedanken wegen unseres Pilgerfreundes macht.
Hier ein paar Bilder von dieser Etappe:



Knapp 5km vor dem Etappenziel beginnt es sanft zu regnen. Noch reicht es, den Rucksackschutz überzuziehen, aber es steigert sich. Eine Kirche bietet die Möglichkeit in Ruhe die Capes herauszuholen und überzuziehen. Wie befürchtet, kommen wir also nicht um das Schwitzen unter dem Cape herum.

Kurz vor La Côte-St-André hat man die Streckenführung verändert. Sie führt jetzt weg von den asphaltierten kleinen Straßen über Feldwege und einen kleinen Hügel. Leider merke ich das erst, als wir durch kniehohes Gras, was auf dem Feldweg steht, stapfen. Nicht so der Renner, wenn es regnet, denn auch wenn unsere Capes weit heruntereichen, die Schuhe werden klatschnass.
Kurz vor dem höchsten Punkt kommen uns zwei Gestalten entgegen. Es sind zwei Frauen, eingehüllt in Capes wie wir. Eine sehr junge und eine im Alter wie wir. Also nach unserer Schätzung, gefragt haben wir nicht.
Sie nutzen ein verlängertes Wochenende, um auch ein Stück des Jakobsweges zu laufen. Allerdings in der entgegengesetzten Richtung. Trotz Regen ergibt sich ein kurzer Schwatz, den wir hauptsächlich mit der jüngeren in Englisch führen, dann streben wir in entgegengesetzten Richtungen davon.
Die Begegnung hat das Wochenende wieder in mein Bewusstsein gerückt. Wir müssen uns unbedingt um die Unterkünfte der nächsten Tage kümmern. Vor allem, wenn zu den Pilgern auch noch Wochenendwanderer dazukommen, könnte es eng werden mit der Auswahl.
Es ist 12:00Uhr als wir in Saint-André ankommen. Der Regen ist stärker geworden, aber wir müssen noch eine Stunde überbrücken, bevor wir einchecken können. Eine Kirche bietet sich an, in der es auch einen Pilgerstempel gibt.

Um 13:00Uhr haben wir noch keine weiteren Informationen zum Check-in, suchen aber die Adresse der Unterkunft auf. Eine Klingel finden wir nicht und ich wage es bei der angegebenen Telefonnummer anzurufen. Langsam kehrt mein Selbstbewusstsein zurück.
In meinem mangelhaften Englisch erkläre ich, dass wir vor der Türe stehen. Nur Augenblicke später steht ein junger Mann vor uns und erklärt, dass wir noch nicht rein können. Hauptsächlich mit der Übersetzungs-App – denn Englisch ist auch nicht so seins – teilt er uns mit, dass die vorherigen Gäste Schaden hinterlassen hätten. Es wären Löcher in der Couch und das Waschbecken kaputt. In der Kürze der Zeit kann er die Schäden nicht reparieren und hat deshalb die Ferienwohnung auch noch nicht bezugsfertig machen können. Wenn wir mit den Schäden leben könnten, würde er sich aber beeilen, dass wir in spätestens einer Stunde rein können.
Was sollen wir machen? Wir stehen in unseren Capes im Regen und haben nichts anderes für diese Nacht, also stimmen wir zu. Wenn es gar nicht anders geht, müssen wir halt morgen früh, im Duschbecken die Morgentoilette vornehmen. Notgedrungen gehen wir darauf ein, müssen aber noch eine Stunde überbrücken. Die Kirche scheint uns für die Wartezeit das Vernünftigste zu sein, also stapfen wir wieder den Berg hinauf. Bevor wir eintreten sehen wir ein Stückchen weg auf der anderen Straßenseite Stefan – unverkennbar in seinem braunen Regencape – im Gespräch mit einer anderen Person.
Wir geben ihm ein Zeichen und gehen in die Kirche. Kurz darauf kommt er allein herein und berichtet, dass er mit einem Pilger aus München erzählt hat, der Franz heißt. Wir haken nach und es ist wirklich unsere Bekanntschaft vom ersten Tag, die wir im Regencape nicht erkannt hatten. Dass der nicht weit vor uns ist, erstaunt uns doch sehr. Die Gründe dafür bleiben uns aber verborgen.
Nach Stefans Auskunft will Franz heute allerdings noch wenigstens 10km weiterlaufen, auch wenn er noch kein Quartier für diese Nacht hat. Er ist also immer noch so unbekümmert unterwegs und scheint trotzdem immer etwas zu finden.
Ob ich mir wohl zu viele Gedanken mache? Hm, vielleicht ja, denn wir laufen ja nach dem Motto „alles fügt sich“. Andererseits ist es für eine Einzelperson viel einfacher unterzukommen, als eine Unterkunft für zwei Personen zu finden. Außerdem brauche ich eine gewisse Sicherheit, sonst bin ich sehr unausgeglichen und ich glaube, Sabine geht es da nicht viel besser.
Die Wartezeit vergeht in Gesprächen mit Stefan und bei ersten Vorplanungen zum nächsten Tag. Bei einem Blick aufs Handy sehe ich nach etwas über einer Stunde eine Mail von Booking. Wir haben den Code zu einem Schlüsselsafe erhalten und können in die Unterkunft. Stefan hat auch so eine Nachricht erhalten und so wollen wir uns auf den Weg machen, als Franz die Kirche betritt. Er hat sich wegen des Regens entschlossen, doch nicht weiter zu laufen und in einer Gaststätte ein Zimmer ergattern können. Einchecken kann er aber erst ab 15:00Uhr und wie wir, will er die Wartezeit in der Kirche verbringen.
Lange halten wir uns nicht mehr auf, denn wir wollen aus den nassen Sachen raus. Wir sind zwar nicht nass vom Regen, aber unter dem Cape schwitzt man doch sehr und im kühlen Kirchenschiff hat es uns daher schon leicht gefröstelt.
Auf dem Weg zur Unterkunft merken wir schon, Stefan muss ganz in unserer Nähe untergekommen sein. Schließlich stehen wir vor derselben Türe und erkennen, es gibt hier zwei Ferienwohnungen. Deshalb ist es vermutlich auch bei der Buchung zu dem Fehler gekommen, weil Stefan sie zeitgleich vorgenommen hat. Vorerst hat er aber das Problem, die Mail mit dem Schlüsselcode nicht zu finden. Es braucht ein ganzes Stück und einige beruhigende Worte, bis er sie hat und wir aus den zwei Safes unsere Schlüssel entnehmen.
Seine Unterkunft ist im Erdgeschoss, gleich neben dem Eingang. Wir müssen im langen Gang um die Ecke und finden dort den Zugang. Gleich gegenüber der Eingangstüre ist das Bad. Das Waschbecken hat wie vom Vermieter gesagt, große Sprünge, ist aber benutzbar. Für uns kein Problem, obwohl wir bezweifeln, dass der Schaden so frisch ist wie behauptet. So sieht es nämlich nicht aus. In die eigentliche Wohnung führt eine sehr steile Treppe. Wir würden sie zuhause als Hühnerstiege bezeichnen. Sabine macht sich schon beim Hinaufsteigen Gedanken, wie sie am nächsten Morgen mit Rucksack wieder hinunterkommt.
Im Studio angekommen – so wurde die Ferienwohnung bei Booking angepriesen – sind wir ganz zufrieden. Es ist sauber und ich kann auch nur ein kleines Loch in der Couch finden. Ein klein wenig riecht es nach kaltem Zigarettenrauch und in mir keimt eine Vermutung auf, als ich die Ausstattung in mich aufnehme.
Gegenüber der Couch ist ein sehr großer Bildschirm mit Playstation und zwei Gamepads. Vermutlich hat der junge Mann mit einem Kumpel hier gezockt und gefeiert, wobei es zu den Schäden kam. Aber das ist nur ein Verdacht. Kein Problem für uns, denn wir haben etwas für die Nacht in unserem preislichen Rahmen. Also alles gut.
Ich dusche wieder als erster, weil ich danach gleich in den nahe gelegenen Netto laufen will, um etwas für heute Abend und morgen früh zu besorgen. Als ich das Haus verlasse, regnet es immer noch, aber mit meinem Cape möchte ich nicht durch den Supermarkt rauschen. Ich drücke mich immer an den Hauswänden entlang, die einigermaßen Schutz gewähren. Nur auf dem letzten Stück haste ich durch den Regen.
Auf dem Rückweg das gleiche, weshalb ich dann in der Wohnung noch einen Platz suchen muss, wo ich das zweite Shirt von mir zum Trocknen ausbreite. Alle möglichen Stellen sind jetzt mit Sachen von uns belegt, nur für die Capes haben wir nichts gefunden. Ich steige mit ihnen die Treppe hinab und mir gelingt es einigermaßen, sie an den Kleiderhaken neben der Eingangstüre aufzuhängen. Später muss ich sie noch wenden, denn sie sind innen und außen feucht. Trocken sollten sie aber sein bevor wir sie wieder im Rucksack verstauen.
Wir machen uns einen Kaffee und beginnen mit der Unterkunftssuche. Sabine schreibt Adressen aus dem Wanderführer an, während ich schon unabhängig davon bei Booking suche. Drei mögliche Adressen finde ich in Revel-Tourdan. Zwei zu einem Preis, der nicht so ganz in unser Budget passt und erneut eine Ferienwohnung, die ein klein wenig abseits des Weges liegt.
Sollen wir die nehmen, oder warten wir auf Antworten von den angeschriebenen Adressen aus dem Wanderführer? Wir können uns nicht entscheiden, oder besser wir wollen noch etwas warten, ob Antworten kommen. Die Zeit überbrücken wir mit der Weiterführung von Blog und Tagebuch.
Dazwischen schreibt Sabine schon wieder mit Stefan hin und her. Er will wissen, was unser nächstes Ziel ist, um auch zu recherchieren. Außerdem fragt er, ob wir mit ihm irgendwohin essen gehen. Wir sagen ab, weil wir ja schon was haben und auch Kosten sparen wollen.
Inzwischen bin ich schon auf der Suche beim nächsten Etappenziel, was ich angepeilt hatte, denn wir brauchen ja auch etwas von Samstag auf Sonntag. In Assieu und Umgebung ist zu diesem Datum nichts zu finden. Ich werde immer nervöser!
Wir essen zu Abend, und es sind immer noch keine Antworten auf Sabines Anfragen da, also entschließe ich mich, doch über Booking zu buchen. Die zwei teuren Unterkünfte sind weg. Es waren Hotels mit Halbpension. Ob Stefan eins davon genommen hat? Egal, die Ferienwohnung gibt es noch und auch wenn sie ein wenig ab vom Weg ist, die wird jetzt gebucht.
So ein Mist aber auch, dass wir hier so ein schlechtes Netzt haben. Die Seiten bauen sich immer nur in Zeitlupe auf. Jetzt wäre das WLAN, was es eigentlich laut Beschreibung hier geben soll, nicht schlecht, aber das ist nicht zu finden.
Egal, ich bin bei der Buchung fast durch, aber als ich den letzten Schritt ausführen will kommt die Meldung, dass die Ferienwohnung nicht mehr verfügbar ist. Ich könnte heulen und ärgere mich über mich selbst. Hätte ich nur gleich diese Ferienwohnung genommen und nicht, um zu sparen, auf anderes gesetzt. Jetzt bleibt uns nur noch die Hoffnung, dass doch jemand auf Sabines Anfragen antwortet.
Es ist schon nach 20:00Uhr. Der Regen hat bisher nicht nachgelassen. Im Gegenteil, die Niederschlagsmenge steigert sich noch. Gegen Morgen soll der Spuk jedoch vorbei sein, aber was hilft uns das, wenn wir nichts zum Übernachten finden in erlaufbarer Entfernung?
Sabine fragt bei Stefan an, ob er WLAN hat, weil die Suche zunehmend stressig wird, wenn sich die Seiten nur zögerlich aufbauen.
Er hat und wir bekommen von ihm die Zugangsdaten. Dabei teilt er uns auch mit, dass er eine Übernachtung in Revel-Tourdan bekommen hat. Tja, Glück für ihn, wir sind noch auf der Suche.
Ich gebe in unserem Zimmer die Daten des WLAN-Netzes ein, bekomme aber keinen Zugang. Erst als ich es unten bei Stefan einrichte funktioniert es. Doch oben gibt es nur eine Ecke im abgeteilten Schlafraum, wo ich Verbindung in dieses Netzt bekomme.
Die Suche geht weiter. Wir sind sogar soweit, einen Tag Pause in Saint-André einzulegen, doch unsere Ferienwohnung ist für die nächste Nacht schon wieder vergeben. Ein Gasthof hätte noch ein Zimmer frei, aber in Revel-Tourdan und Umgebung gibt es auch die nächsten zwei Nächte nichts mehr. Ich weite meine Suche aus, indem ich andere Dienste wie Airbnb einbeziehe. Weiterhin Fehlanzeige! Gegen 22:00Uhr geben wir erst einmal auf und hoffen, dass doch noch Zusagen auf Sabines Mails kommen. Oder wir nehmen eine der Übernachtungsmöglichkeiten, die zwischen 6km und 15km vom Weg abliegen. Wie wir da hinkommen, müssen wir noch genauer recherchieren.
Wieder einmal kreisen meine Gedanken so sehr, dass ich lange brauche, bis ich Schlaf finde. Sabine neben mir schläft schon lange tief und fest.
Es ist 23:00Uhr, als ich schon wieder munter bin. Ein Blick in Sabines Mails bringt keine Beruhigung. In den Schlaf komme ich auch nicht mehr, also vertiefe ich mich erneut in die Suche. Egal was ich unternehme, am Weg ist nichts zu finden, was wir in einer Etappe zurücklegen können.
Ganz kurz blitzt der Gedanke auf, hier abzubrechen, doch den verwerfe ich sofort wieder. Ich finde eine B&B Unterkunft knapp 7km ab vom Weg, auf Höhe von Revel-Tourdan. Der Preis mit Frühstück ist sehr gut, doch wie kommen wir hin. Wir könnten abweichend vom Jakobsweg dorthin laufen. Besonders schön wäre es nicht, denn wir müssten hauptsächlich durch dicht bebautes Gebiet gehen. Am nächsten Tag dann wieder, um zurück auf den ausgeschilderten Weg zu kommen. Allerdings sind für die nächste Nacht in dieser Richtung und passenderer Entfernung immer noch keine Unterkünfte zur Verfügung. Es ist einfach zum Heulen!
Am sinnvollsten wäre es, bis Revel-Tourdan zu laufen und mit einem Taxi die 7km bis zu der Übernachtungsmöglichkeit zu fahren und am Morgen zurück. Bliebe dann nur die nächste Nacht, für die ich noch etwas finden müsste.
Mit diesen Gedanken gehe ich um 01:30Uhr wieder ins Bett. Sabine schläft immer noch, ohne dass ich sie gestört habe. Ich bin immer wieder erstaunt, was für einen guten Schlaf sie hat.
Bis 04:30Uhr finde ich Ruhe, dann treibt es mich wieder ans Handy. Sabine hat immer noch keine Antworten erhalten, aber was erwarte ich eigentlich zu dieser Zeit? Es können ja nicht alle so deppert sein wie ich und sich die Nachtstunden um die Ohren schlagen.
Schlaf finde ich keinen mehr, dessen bin ich mir sicher, also weiter mit der Sucherei. Ein kleines Erfolgserlebnis baut mich ein wenig auf. Mit einer Tagesetappe von circa 30km könnten wir von Revel-Tourdan aus eine verfügbare Unterkunft erreichen. Buchen tue ich sie noch nicht und auch die, die vom Weg ab liegt, noch nicht. Ich will das erst mit Sabine besprechen, kann jedoch keine andere Alternative erkennen.
Um 06:00Uhr wecke ich meine Frau. Die Glückliche hat durchgeschlafen, während ich ein bisschen fertig bin wegen meiner Kopflastigkeit.
Beim Frühstück besprechen wir, was ich herausgefunden habe und Sabine stimmt meinen Vorschlägen zu. Wir müssten die Unterkünfte dann nur noch festmachen.
Stefan fragt inzwischen schon wieder per WhatsApp an, wann wir starten. Sabine teilt ihm mit, dass es bei uns noch dauert, weil wir das mit der Übernachtung und Taxifahrt klären wollen.
Kurz darauf bietet er an, bei seiner Ferienwohnung anzufragen, ob wir mit dort übernachten können. Es gibt laut Beschreibung in diesem Ferienhaus ein Doppelbett und eine Schlafcouch.
Na so was, das wird doch nicht die Ferienwohnung sein, die wir buchen wollten und die dann im letzten Moment weg war? Die Beschreibung passt jedenfalls dazu.
Sie ist es, stellt sich heraus. Stefan war beim Buchen eine Minute schneller als wir und er bekommt auch die Bestätigung, dass wir ebenfalls dort übernachten können. Natürlich gegen Aufpreis, aber das ist nur legitim.
Also: „Alles fügt sich!“ Warum habe ich nur nicht mehr Vertrauen in unser Motto?
Einerseits bin ich sehr froh. Andererseits schäme ich mich jetzt umso mehr, dass ich am Vortag Stefan gegenüber so harsch aufgetreten bin. Er ist wirklich ein guter Freund, so rasch und selbstlos wie dieses Angebot kam. Ich sollte wirklich lernen, meine Emotionen besser unter Kontrolle zu bekommen. Vielleicht ist das eine Lektion, die ich dafür erhalten habe.
Wird es mir gelingen, oder gewinnt wieder mein Egoismus? Hm, ist das wirklich Egoismus, oder ist es nicht eigentlich so, dass ich schon immer Probleme mit einem gewissen Gruppenzwang hatte? Im Prinzip war ich ja schon immer so ein bisschen wie ein einsamer Wolf, der gerne seinen Weg alleine geht. Sabine und ich haben uns da einigermaßen aufeinander eingestellt. Obwohl sie – wenn ich richtig darüber nachdenke – sicher oft zurücksteckt und sich mir anpasst.
Über die Jahre haben wir uns da in einigen Dingen angepasst. Sie vermutlich mehr auf mich als umgekehrt, denn auch ihr gefällt es besser, wenn wir zu zweit unterwegs sind. Dennoch hat sich meine Frau in solchen Situationen viel besser unter Kontrolle.
Was mir aber auf jeden Fall klar wird, so eine Pilgerreise tut mir in vielerlei Hinsicht gut. Sie stärkt mein Selbstbewusstsein, das mir in letzter Zeit ein bisschen abhandengekommen ist. Außerdem deckt sie Dinge auf, die mir sonst kaum bewusst werden. Die Frage ist nur, ob ich auf Dauer etwas daraus lernen kann und in der Lage bin, mich anzupassen. Lernen, sich zurückzunehmen, wäre schon mal ein Anfang. Bis zur Selbstaufgabe möchte ich das aber nicht treiben. Kann ich auch nicht, merke ich an diesem Tag erneut.
