
Nachtschreck und Tag 3
Tiefschlaf:
„Kawumm!!!“
Wir schrecken beide hoch.
„Scheiße, was war das denn? Ich mach mal Licht an“, sage ich erschrocken.
Ein langer Rundumblick bringt keine Aufklärung. Wir schalten das Licht wieder aus, kommen aber lange nicht zur Ruhe. Sabines Gedankenkarussell läuft auf Hochtouren, bei mir sind es mehr die Bedenken, dass mit dem Bett etwas ist, denn das Geräusch schien von Kopfende des Bettes zu kommen.
Am Morgen finden wir dann die Erklärung. Das Bild an der Wand über unseren Köpfen ist heruntergefallen und zwischen Bett und Wand heruntergerutscht. Die Halteschnur ist gerissen. Also kein Einbrecher oder Poltergeist, aber wäre das Bett näher an der Wand gestanden, hätte es auf unsere Köpfe fallen können.
Noch mal Glück gehabt. 😊

Da wir unabhängig sind, können wir unser Frühstück zeitig einnehmen. Dennoch kommen wir erst um 08:00 Uhr auf den Weg. Es macht halt etwas aus, wenn man sich den Kaffee und die Eier selbst kocht. Wobei wir uns auch erst mit der fremden Pad-Kaffeemaschine auseinandersetzen müssen.
Sabine schreibt der Vermieterin noch eine Nachricht über die Übersetzungs-App in Französisch. Einmal um sich für die Gastfreundschaft zu bedanken und auch um sie über das abgestürzte Bild zu informieren. In der Antwort bedankt sich die Frau und drückt wie Sabine ebenfalls ihr Bedauern aus, dass wir uns nicht besser austauschen konnten.
Danach machen wir uns auf den Weg. Die ersten Kilometer bis kurz vor Montpreveyres geht es sehr flott voran, trotz Sabines blasengeschädigter Füße. Das Wetter ist perfekt. Sonnenschein, gerade so warm, dass ich die Jacke ausziehen kann und gut zu laufende Wege. Sogar die Pfade über die Wiesen werden von den Gemeinden gehwegebreit gemäht. Man merkt eben immer wieder, dass die Schweiz den Tourismus zu schätzen weiß.
Die Rundumsicht ist wunderbar, auf Bildern aber kaum wiederzugeben.
Das ist etwas, was wir immer wieder sehr bedauern. Wir können diese Eindrücke nicht so auf Bilder verewigen wie es die Augen sehen. Die Erinnerungen daran gibt es zwar, aber bei der Fülle, die wir innerhalb dieser Tage aufnehmen, bleibt auch das nur ein Schatten des Erlebten.
Sabine beißt die Zähne zusammen und verrät mir nicht, wie sehr sie ihre Füße schmerzen. Auch nicht, als es viele Stufen hinab in ein Flusstal und genau so viele Stufen wieder hinauf geht. Doch auch bei mir zeigt sich, dass Treppenstufen in so unterschiedlichen Höhen und Abständen nicht gerade gut für mein Knieproblem sind. Es wäre besser ich würde die Kniebandage anlegen, doch da müsste ich den halben Rücksack wieder ausräumen, wovor ich mich scheue. Es wächst bei mir die Erkenntnis, dass Treppen und steile Abstiege mein größtes Problem werden.

Glücklicherweise geht es dann erst einmal moderat weiter. Balsam für mein Knie und Sabines Füße. Wobei sich meine Probleme wieder relativieren, Sabines eher nicht.
In Mentpreveyres teilt sich der Weg. Jetzt müssen wir uns wirklich entscheiden, folgen wir der Ausschilderung, oder wählen wir die im Wanderführer beschriebene alte Haupttrasse.
Kurz sind wir sogar auf dem neuen Hauptweg, wo es gleich steil bergan geht. Wir kehren wieder um und folgen den GPS-Tracks, die ich vom Wanderführer-Verlag habe.
Ob das richtig ist?
Vorerst sieht es so aus, obwohl der Weg gleich nach Mentpreveyres erst einmal ein ganzes Stück an einer stark befahrenen Straße entlang geht. Aber das Gefälle ist moderat, auf guten Waldwegen, oder später asphaltierten Nebenstraßen. Steigungen haben wir kaum und wenn, dann nur kurze, die sich gut laufen lassen. Also für mich, Sabine merkt immer mehr, dass die Schuhe nicht passen.
Was wir auch bald erkennen müssen, die Ausschilderung des Weges wurde zum großen Teil entfernt. Wir müssen uns hauptsächlich auf die GPS-Tracks verlassen. Deshalb ziehe ich das Handy auch sehr viel mehr zu Rate als an anderen Tagen.
Irgendwann habe ich dabei auch die Aufzeichnung des Weges ausgeschaltet. Das fällt mir aber erst nach etwa 3 km auf. Aus diesem Grund ist die an diesem Tag wirklich zurückgelegte Entfernung auch nur geschätzt. Beziehungsweise beruht auf den Angeben des Wanderführers und den von der Kathedrale bis zum Quartier zurückgelegten Weg.
Davor haben wir aber erst einmal wunderbare Blicke auf den Genfer See mit den gegenüberliegenden hohen, schneebedeckten Gipfeln.

Nun beginnt die Härte für meine Frau. Es geht stetig – meist auch steil – bergab. Zum Teil auf asphaltierten Straßen durch die Vorstädte von Lausanne. Sabine weiß manchmal kaum noch wie sie laufen soll. Wenn ich nachfrage wie es ihr geht, sagt sie:
„Passt schon.“
Macht es aber nicht, was ich ihr auch ansehe.
Als sich die Wegvarianten wieder vereinigen, laufen wir durch einen Park. Es ist schattig und der Untergrund weniger belastend für Füße und Knie.
Wir wähnen uns dem Ziel schon nahe. Die Strapazen sollten also bald vorbei sein, ist die Hoffnung.
Leider bekommt diese Annahme gleich einen gewaltige Dämpfer. Wir müssen endlos erscheinende Treppenstufen hochsteigen, um auf Autobahnniveau zu kommen. Mehrfach müssen wir auf diesem Weg nach oben eine Pause einlegen, denn auch für mein Knie ist das eine Herausforderung. Noch einmal kurz durchs Grüne, bevor wir endgültig in Lausanne sind.
Wir haben die Kathedrale erreicht. Nach dem Wanderführer sollen es, bis dahin, etwa 28 km gewesen sein. Deshalb meine Schätzung von den circa 3 km, die nicht aufgezeichnet wurden. Eine Tagesetappe, die wir uns bei solchen An- und Abstiegen gut zutrauen, doch mit Sabines Schuhproblemen für sie eine Tortur.

Was dann noch kommt, ist meiner Dummheit oder Fehleinschätzung geschuldet!
Wir müssen noch zur Jugendherberge, die fast am anderen Ende der Stadt liegt. Die Entfernung bis dorthin unterschätze ich total und habe sie auch nicht in die Strecke eingerechnet.
Wir geben die Adresse bei Google Maps ein, aber schon kurz danach rächt es sich, dass ich ständig über die GPS-Tracks die Route überprüfte. Bei der gotischen Kirche Saint-François auf dem gleichnamigen Platz ist mein Handy plötzlich aus. Bis ich schnalle, dass der Akku leer ist, versuche ich mehrfach das Gerät neu zu starten. Erst dann setze ich bei einer Bank den Rucksack ab, um die Powerbank herauszukramen. Dann folgen wir erst noch lange dem Jakobsweg durch die Stadt, immer bergab auf asphaltierten Straßen.
Sabine kann bald nicht mehr!
Bei einem großen Kreisverkehr übersehen wir dummerweise auch noch, dass wir schon vorher hätten rechts in eine Seitenstraße abbiegen können, um durch einen Friedhof mit anschließendem Park schneller am Ziel zu sein. Wir laufen um dieses riesige Gelände herum und danach in einem Haken wieder zurück.
Manchmal ist man wie vernagelt!
Als wir die Jugendherberge erreichen, sind noch einmal knapp 5 km dazu gekommen, für die wir über eine Stunde gebraucht haben. Eine Strecke, die Sabine mit diesen Schuhen auf keinen Fall laufen wollte!
Der Check-In problemlos, im Zimmer kommt jedoch der große Schreck, als meine Frau ihre Schuhe auszieht. Die Pflaster sind verrutscht und die offenen Stellen sind blutig am Strumpf angeklebt. Außerdem sind an jedem Fuß auch noch Blasen dazu gekommen. Es sieht einfach furchtbar aus.
Der Frust ist groß. Was sollen wir tun? Abbrechen oder weiter laufen?
Am besten erst mal darüber schlafen, doch das ist gar nicht so einfach, wenn die Gedanken kreisen. Also für mich, weil mich diese Situation richtig runterdrückt. In den letzten drei Tagen war ich wieder voll ins Pilgern eingetaucht. Die Sprachbarriere erschien mir nicht so schlimm, weil wir uns auch in deutsch noch gut verständigen konnten. Außerdem macht mir das Laufen durch die unbekannte Landschaft unglaublich viel Freude. Das alltägliche Leben blende ich dabei völlig aus. Probleme und zu erledigende Aufgaben sind nicht relevant, bis auf das, was mit dem Pilgern zusammenhängt. Hindernisse, die sich da auftun, sind meist schnell vergessen, wenn wir laufen.
Jetzt stehen wir, kaum im Pilgern angekommen, schon wieder vor dem Ende. Unglaublicher Frust baut sich in mir auf!
Wie meist in solchen Situationen, reagiere ich dann über. Alles ist schwarz! Es gibt kein Licht am Horizont! Pilgern ist nichts mehr für mich! Ich will nicht mehr! Wenn wir jetzt abbrechen, dann werde ich nicht wieder auf Tour gehen. Dann bleibt mir mehr Zeit für meine Arbeiten zu Hause. Das ist sowieso besser. Da gehöre ich hin und nicht in irgendein fremdes Land. Ja, so wird es. Dann muss Sabine eben alleine laufen, wenn sie es noch will! Nach endlos erscheinenden Nachtstunden schlummere ich endlich neben meiner schon lange in sich ruhenden Frau ein.

Pausentag, Entscheidung und wieder auf dem Weg
Unausgeruht wache ich trotzdem zur gewohnten Stunde auf. Noch bevor wir zum Frühstück gehen, teile ich Sabine meine Überlegungen der Nacht mit.
Das Resultat ist unerwartet, oder habe ich unterbewusst Druck aufgebaut, der meine Frau zu etwas drängt, was sie gar nicht will?
In dem Moment kommt dieser Gedanke gar nicht bei mir auf, aber wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, war es vermutlich so.
Sabine zeigt, dass sie die größere innere Stärke hat. Sie lässt sich nichts anmerken und teilt mir mit, dass sie auch Überlegungen angestellt hat.
Jetzt nach Hause zu fahren kommt ihr wie Scheitern oder vorzeitiges Aufgeben vor. Sie möchte auf jeden Fall noch bis Genf laufen um den Jakobsweg der Schweiz abzuschließen. Wie das mit ihren malträtierten Füßen gehen wird, weiß sie nicht, sie strahlt aber Zuversicht aus.
Das verrät sie mir in diesem Moment allerdings nicht. Auch, dass diese Entscheidung zu einem Teil eine Reaktion auf meine Gedanken der Nacht sind, erfahre ich erst als wir wieder zu Hause sind.
Bevor wir jedoch umsetzen können, was wir beschlossen haben, gilt es die nächsten Tage zu planen.
Noch vor dem Frühstück begeben wir uns zur Rezeption und erfragen eine weitere Übernachtung. Es ist möglich, wird uns mitgeteilt, doch nicht in dem Zimmer, was wir jetzt haben, denn das ist schon verplant. Ein Umzug in ein Zimmer in die erste Etage ist nötig, was für uns nicht das Problem ist, zumal der Preis der gleiche ist.
Die Buchung schließen wir sofort ab und bekommen auch gleich die Schlüsselkarte für das neue Zimmer. Der Umzug hat jedoch noch Zeit bis nach dem Frühstück.
Frisch gestärkt, packen wir anschließend unsere Sachen. Dann tragen wir alles hoch, bevor ich die Schlüsselkarte des ersten Zimmers abgebe.
Durch die Entscheidung habe ich wieder Aufwind, der mich gleich an die weitere Planung treibt, während Sabine unsere Shirts wäscht. Dabei besprechen wir wie es weiter geht.
Fest steht, dass es kürzere Etappen werden als ich ursprünglich geplant hatte. Also vier statt drei Tage für die Strecke bis Genf, damit es nicht über 20 km pro Abschnitt werden. Bleibt das Buchen der ersten Übernachtung, vom Sonntag auf den Montag.
Per Mail wollen wir diese kurzfristige Anfrage zum Samstag nicht riskieren. Also suche ich mit Booking, finde allerdings in unseren Preisvorstellungen nichts direkt am Weg, was ich ohne Kreditkarte buchen könnte. Sabine erinnert sich, dass uns André – der junge Schweizer – seine Übernachtungen von dieser Strecke mitgeteilt hat.
Er hatte im Vorjahr, etwas abseits vom Weg, in einem Hostel übernachtet. Das befindet sich in einem Gewerbegebiet von Etoy, direkt an einer viel befahrenen Straße. Vielleicht der Grund, warum es in unser Preissegment passt und auch über PayPal zu buchen geht.
Also gut, der nächste Tag ist geklärt, da können wir uns auch entspannt an eine Besichtigung von Lausanne wagen. Über die Jugendherberge haben wir ein Tagesticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt bekommen, müssen das allerdings über eine Website freischalten, womit wir uns anfänglich schwertun.
Geschafft, mit der freundlichen Hilfe des Personals an der Rezeption. Dort erfahren wir auch, welche Buslinien und welche Metro für uns in Frage kommt, was sonst für uns nicht ganz leicht geworden wäre. Zu dumm auch, dass alle Infos im Web erst von uns ins Deutsche übersetzt werden müssen. Das war auch der Grund warum wir es am Vortag nicht gewagt haben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Jugendherberge zu fahren.
Vor der Fahrt in die Innenstadt, will Sabine noch Blasenpflaster nachladen. Die Suche in Google Maps sagt, es ist nicht weit bis zu einer Apotheke.
Wie man sich doch täuschen kann. Einige Straßen sind gesperrt, weil ein Sportevent an diesem Wochenende läuft. Schon am Vorabend, auf dem Weg zur Herberge konnte man den aufgeregten Kommentator auf große Entfernung hören, ich dachte allerdings nicht, dass sich das über mehrere Tage zieht. Vielleicht ist deshalb die Jugendherberge auch voll belegt.
Blasenpflaster kann Sabine nach einem längeren Fußmarsch dann kaufen. Der Preis ist allerdings ein kleiner Schock. Da bekommt man bei uns fast das Doppelte dafür.
Mit der Metro geht’s anschließend zur Altstadt und zu Fuß weiter bis zur Kathedrale.

Sabine hat ihre Barfußschuhe an, dennoch fällt ihr das Laufen schwer. Am Nachmittag werden wir es uns im Zimmer gemütlich machen, um den geschädigten Füßen Erholung zu gönnen.
In der Kathedrale erleben wir eine Chorprobe mit, die schon faszinierend ist. Alle Sängerinnen und Sänger sind in einem gesegneten Alter. Eine Frau ganz vorn hat Mühe halbwegs aufrecht zu stehen, ist aber voller Enthusiasmus dabei. Da kann man nur den Hut ziehen!
Anschließend schlendern wir durch die Altstadt, wobei wir das bunte Marktreiben bewundern. In fast jeder Straße stehen Stände mit unterschiedlichsten Angeboten. Der Trubel ist unbeschreiblich.
Schließlich gönnen wir uns noch Kuchen mit Kaffee, bevor wir mit dem Bus zurückfahren. In unserem Zimmer stellt Sabine fest, dass selbst in den Barfußschuhen die Pflaster verrutscht sind. Sie will jedoch auf jeden Fall bis Genf kommen. Mal sehen wie das in den Wanderschuhen wird.
Den restlichen Tag nutzen wir zur weiteren Planung. Über die Übernachtungspreise in Genf sind wir allerdings nicht sehr erbaut. Das günstigste was zu finden ist, befindet sich in der Nähe des Flughafens. Doch auch da erscheint uns der Preis nicht angebracht, zumal wir dann am nächsten Morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Bahnhof müssten.
Eine Recherche der Zugverbindungen nach Hause bringt mich auf eine andere Idee. Wenn wir gar nicht erst in Genf übernachten, sondern am Abend unserer letzten Etappe den Zug um 18:30 Uhr nehmen, können wir am Morgen des nächsten Tages, gegen 08:00 Uhr in Greiz ankommen. Es gäbe auch nur einen längeren Aufenthalt – eine Stunde – in Erfurt am nächsten Morgen. Alle anderen Umstiegszeiten sind moderat.
Ich berate mich mit Sabine. Sie findet den Gedanken ebenfalls gut, weil wir uns die Kosten einer Übernachtung sparen. Außerdem gehen wir davon aus, dass in der Nacht nicht so viel los ist auf den Schienen, weshalb die Anschlusszüge zu schaffen sein sollten. Das vorher ein Fußmarsch von circa 20 km zu absolvieren ist, erscheint uns nicht als Problem, im Zug können wir uns ja ausruhen.
Also ist auch die Heimreise geklärt! Alles fest machen wollen wir allerdings erst, wenn Sabine den nächsten Tag überstanden hat. Auch die weiteren zwei Übernachtungen vor Genf schließt das ein.
Später drehen wir noch eine kleine Runde in der Umgebung der Jugendherberge, mit dem Hintergedanken, noch einen Abendimbiss zu nehmen. Die Pizzeria, an die wir dabei dachten, hat allerdings zu. Öffnungszeiten finden wir nicht, also gehen wir davon aus, dass es an diesem Tag keinen Gaststättenbetrieb mehr gibt. Das wundert uns schon ein bisschen, es ist doch Samstag und durch das Sportevent auch viel los.
Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, gehe ich allerdings davon aus, dass es in der französischen Schweiz nicht anders ist als in Frankreich selbst. Der Gaststättenbetrieb mit warmen Essen geht erst in den Abendstunden richtig los. Ab 19:00 Uhr und später. Dafür aber weit in die Nacht hinein, in geselligen Runden bei Wein.
Der Küchenbetrieb in der Jugendherberge, wo wir uns dann noch Pizza bestellt haben, ging auch erst um 19:00 Uhr los. Tja, andere Länder, andere Sitten.
Tag 4:
Der Ruhetag hat Sabine gut getan, obwohl die Füße immer noch schmerzen. Vor allem, wenn sie in den Wanderschuhen stecken.
Aber beginnen wir von vorne. Beim Frühstück treffen wir die älteste Pilgerin, von den vieren, denen wir am ersten Tag begegnet sind. Sie erwähnte da mal, dass sie Mitte 80 ist, was man ihr in keiner Form ansieht.
Es entsteht schnell wieder ein angeregtes Gespräch, nachdem sie sich zu uns an den Tisch gesetzt hat. Dabei kommen auch die Fußprobleme von Sabine zur Sprache, woraufhin die Frau nicht umhin kommt, uns am Frühstückstisch ihre Füße zu präsentieren, denn ihr geht es ähnlich.
Am Nebentisch sitzt ein Ehepaar, nur wenig jünger als wir. Sie klinken sich ins Gespräch ein und es stellt sich heraus, dass sie auch Pilger sind.
Durch die Unterhaltung zieht sich das Frühstück länger als geplant hin, doch bald dominiert die ältere Dame die Unterhaltung. Das ist uns eigentlich ganz recht, bietet sich damit doch die Möglichkeit aufzustehen, ohne unhöflich zu wirken. Trotzdem verlassen wir fast zeitgleich mit dem anderen Pilgerehepaar die Herberge.
In einem Abstand von etwa 20 m streben wir durch einen Park dem Pilgerweg zu. Überall werden schon wieder Absperrungen aufgebaut, da die Sportveranstaltung noch nicht zu Ende ist.
Kurz vor dem Genfer See holen wir das Ehepaar ein. Anschließend laufen wir die nächsten Kilometer gemeinsam, bei regem Gedankenaustausch.
Gleich zu Beginn meint die Frau schmunzelnd, in Bezug auf die ältere Pilgerin:
„Also meinen Fußpilz hätte ich am Frühstückstisch nicht gezeigt.“
Wir stimmen ins Lachen ein, denn das waren auch unsere Gedanken.
Danach dreht sich der Austausch viel ums Pilgern, wobei wir erfahren, dass die beiden noch im Arbeitsleben stehen, aber ein Sabbatical genommen haben. Gestartet sind sie von zu Hause in der Regensburger Gegend. Ihr Ziel ist Santiago und wir hoffen, sie schaffen es.
Nach ihrem Lauftempo und der Geschmeidigkeit ihres Ganges zur urteilen, ist dieses Ziel nicht unrealistisch. Doch das sind ja nicht die einzigen Voraussetzungen, die dafür nötig sind. Durchhaltevermögen und Gesundheit spielen eine genauso große Rolle.
Es kommen auch Wegabschnitte zur Sprache, die wir im Vorjahr gelaufen sind. Interessant ist dabei, wie unterschiedlich man die Schwierigkeitsgrade und jahreszeitbedingten Umstände dabei wahrnimmt.
Wir hatten die Etappe über den Haggenegg als landschaftlich schön, aber körperlich sehr anstrengend in Erinnerung, da bei unserem Aufstieg über den Pass weit über 30°C herrschten. Sie mussten mit dichtem Nebel kämpfen, bei dem von der umgebenden Bergwelt nichts zu sehen war. Bei uns war der Weg staubig und gut zu erkennen. Bei ihnen schmierig, wobei sie auch noch Mühe hatten, ihn nicht zu verlieren.
Jede Jahreszeit hat also ihre Vor- und Nachteile.
Nach circa 3 km verabschieden wir uns von ihnen, denn sie haben ein schnelleres Tempo, was Sabine mit ihren Füßen nicht anschlagen kann. Ihr Ziel an diesem Tag ist Rolle, was auch unser Ziel bei meiner ersten Planung gewesen wäre. Eine durchaus realistische Etappe von etwa 30 km, da es fast nur eben am See dahin geht. Für meine Frau jetzt allerdings nicht schaffbar.

Beim Laufen am See entlang mache ich mir Gedanken, wie es ausgesehen hätte, wenn wir im letzten Jahr unseren Weg weiter gegangen wären. Ich hatte schon im Vorfeld so meine Bedenken wegen diesem Wegabschnitt. In großen Abschnitten am See, mit seinen Badestellen entlang, oder durch die vielen Ortschaften die diese Streckenführung beinhaltet.
Es wäre sicherlich nicht so meins gewesen, mich schwitzend mit meinem Rucksack, durch die Badegäste zu schlängeln. Jetzt leidet meine Stimmung schon, wenn ich auf den schmalen Wegen ständig Joggern, Radfahrern und Spaziergängern ausweichen muss. Oft bleibt uns nichts weiter übrig als ein schneller Schritt ins Gebüsch.
In Préverenges schieben wir uns durch Menschenmassen, die das vorsommerliche Wetter zum Schlendern durch Parks und die Hafenanlage nutzen. Auf den Wiesen der Parks wird gegrillt. Der Duft, der in der Luft liegt, lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dennoch kann ich bei dem Gewusel nicht schnell genug freie Strecke erreichen.



Nach etwa 15 km quält sich Sabine zunehmend, vor allem auf asphaltierten Abschnitten, oder wenn es mal ein wenig bergab geht. Die angedachten 20 km sind wirklich das Maximum!
Kurz vor Saint-Prex kommt es zu einem kurzen Austausch mit einer sehr jungen Pilgerin, die auch bis Santiago laufen will.
Überhaupt sind zurzeit schon viele Pilger unterwegs. Unter anderen auch ein Mann, der flotten Schrittes an uns vorbeizieht. Der schafft bestimmt Strecken an einem Tag, wofür wir zwei Tage brauchen.
Ein Paar spricht uns an, das selbst auch pilgert und der Mann kann sogar Deutsch. Auch von den beiden kommt der Hinweis, dass sich Sabine neue Schuhe kaufen muss, bei den Problemen die sie hat. Etwas, was ihr sehr widerstrebt, weil es dann die dritten Schuhe innerhalb eines Jahres wären.
Auf der letzten Strecke vorm Quartier will Sabine lieber langsam weitergehen als stehen bleiben, weil beim Stehen die Füße mehr schmerzen, als beim Laufen.
Nach 20,2 km kommen wir, schon kurz vor 15:00 Uhr, beim Self-Motel in Etoy an. Zum Glück ist der Check-In über einen Schlüsselcode gleich möglich, weil sich Sabine nur danach sehnt aus den Schuhen herauszukommen.
Leider müssen wir feststellen, dass Handtücher und Frühstück im Kühlschrank nur für eine Person bereitliegen. Eigentlich kein Problem, weil noch etwas übrig bleibt, von dem, was fürs Abendessen angedacht ist. Trotzdem moniere ich das, nach dem Übersetzen der Hausregeln, per SMS an die Kontaktnummer.
Anscheinend gibt es nur Doppelzimmer im Motel und wenn das zweite Bett bei einer Ein-Personen-Belegung benutzt wird, erfolgt eine Nachberechnung. Ich befürchte, dass in unserem Fall die Doppelbelegung dem Personal nicht bekannt ist und will Ärger vorbeugen.
Sabine ist sich sicher, dass sie auch die nächsten drei Etappen laufen kann, weshalb wir die zwei Übernachtungen vor Genf fest machen.
Nun müssen nur noch Sabines Füße durchhalten, oder es bleibt als letzten Ausweg die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
