Schlechtes Gewissen und doch im Konflikt

Also geht es ohne große Umwege weiter. Es macht mich froh und trotzdem merke ich schon bald, dass ich mit Stefans Laufverhalten nicht gut klarkomme. Obwohl ich es ihm gesagt hatte, möchte er immer noch, dass wir jeden Schritt zusammen machen. Auch die Pausen, die er für seine Zigaretten braucht.
Schon nach einer Stunde beginnt er so ein bisschen wehleidig kundzutun:
„Es könnte langsam mal eine Bank kommen. Ich bräuchte eine Pause.“
Da ist er, der Punkt, vor dem ich mich gefürchtet habe. Ich bin ihm dankbar, dass wir mit in der Ferienwohnung übernachten können, finde es aber unfair, dass wir uns deshalb seinem Rhythmus unterordnen müssen. Sage ich jetzt etwas, ist Stefan vermutlich verletzt, was das Letzte ist, was ich will. Sabines Hinweise auf seinen Gesundheitszustand und das er vermutlich deshalb Anschluss sucht, leuchten mir ein, und doch nagt es an mir.
Natürlich machen wir bald die gewünschte Pause. Auch keine von den drei Kirchen der Etappe werden wir auslassen. Ich versuche mich zurückzunehmen und mir nichts anmerken zu lassen, aber meine Frau kennt mich, weshalb es ihr nicht entgeht. Sie spricht mich darauf an. Ich versuche mich damit herauszureden, dass mir der fehlende Schlaf anhängt, was aber nicht verfängt.
Also, es ist ja nicht so, dass es gelogen wäre. Die Nacht steckt mir wirklich in den Gliedern, doch dass ich mich so verbiegen muss, verstärkt das Ganze noch. Ich weiß, ich kann mich da unglaublich hineinsteigern. Dann wird es immer schlimmer, bis es eskaliert. Also bemühe ich mich, meinen Focus auf anderes zu richten. Ich lasse die Landschaft auf mich wirken. Nehme die Ruhe bewusst in mich auf, die auch in den kleinen Weilern herrscht, die auf dem Weg liegen und versuche mich in einem meditativen Laufen.
Es gelingt mir dadurch runter zu kommen. Schweigend laufe ich meist ein paar Meter voran, während Sabine viel mit Stefan im Gespräch ist.

Das Wetter meint es heute gut mit uns. Gegen Morgen ist der Regen abgezogen, trotzdem ziehen noch Wolken über den Himmel und erlauben es der Sonne nur ab und zu, durchzubrechen. Es hat sich soweit abgekühlt, dass wir bis zu Mittag alle drei mit Jacke laufen. Ein schönes Gefühl, nicht schon nach einer halben Stude durchgeschwitzt zu sein.
Der Weg führt an einer großen Schafherde vorbei. Die große Wiesenfläche ist mit Elektrozaun-Netzen gesichert. Doch nicht nur der Zaun schützt die Herde. Drei oder gar mehr, riesige Herdenschutzhunde machen uns unmissverständlich klar, dass wir den Tieren nicht zu nahe kommen sollen.
Erst als sie bellend und knurrend zum Zaun kommen, fallen sie zwischen den Schafen auf. Größe und Farbe sind den Schafen ähnlich. Die perfekten Wächter für die Herde.

Wie schon am Tag zuvor laufen wir am Rand des Hügelkammes entlang. Mal ein klein wenig hoch und wieder runter, um einer Straße auszuweichen, doch ohne anstrengende Steigungen. Linker Hand haben wir ständig die weite Ebene im Blick und nicht nur einmal habe ich den Eindruck im Nördlinger Ries zu sein.

Einige Feld- und Waldwege sind aufgeweicht vom Regen. Oft auch so übersäht von Pfützen, dass wir kaum wissen, wie wir ohne nasse Füße weiterkommen können. Aber für die Fauna war der Regen ein Segen. Alles wirkt kräftig und frisch.

Was mich auch sehr beeindruckt ist die Architektur. Die älteren Gebäude – auch große Kirchen – haben faszinierende Fassaden. Sie bestehen aus diesen runden Geröllsteinen, die oft auch den Untergrund der Wege bilden. Unterbrochen werden sie in regelmäßigen Abständen von einem Streifen mit Ziegeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so eine tragende Außenwand stellen kann. Vielleicht ist es nur die Fassade davor.

Nach dem Überwinden eines kleinen Höhenrückens durchwandern wir eine wirklich platte Landschaft. Die Wege sind so von Pfützen übersäht, dass ein Vorankommen oft nur auf dem Grünstreifen am Rand geht. Bald schwenkt der ausgewiesenen Pilgerweg nach links ab und wir steuern direkt auf einen größeren Höhenrücken zu. Laut Höhendiagramm im Wanderführer soll auf der heutigen Etappe auch ein steiler Anstieg bevorstehen. Das wird er wohl sein, denken wir und genau in dieser Richtung ist auf der Höhe ein Kirchturm zu sehen.
„Da wird der Weg wohl hinführen“, sagt Sabine leichtfertig und ich kann in Stefans Gesicht schon die Vorfreude ablesen.
Vielleicht wieder eine Möglichkeit einen Pilgerstempel zu bekommen für unseren Stempeljäger. Und natürlich die unvermeidbare Zigarettenpause danach. Schon wieder Wasser auf den Mühlen meines inneren Ungleichgewichts.
Dass wir bestrebt sind nur einen Stempel am Tag in unseren Pilgerpass zu drücken, kann Stefan überhaupt nicht verstehen. Uns sind die Stempel jedoch nicht so wichtig, zumal es in Frankreich keine so große Rolle spielt. Als Pilger fühlen wir uns trotzdem und wir kommen länger mit den Zusatzblättern unseres Pilgerpasses hin.
Sabine meint, Stefan braucht die Stempel, um seinen Weg nachverfolgen zu können, weil er die besuchten Orte nicht im Gedächtnis behalten kann. Das leuchtet mir ein und auch, dass er in den Kirchen und Kapellen dankt, weil sich seine Erkrankung um so vieles verbessert hat. Nur, dass wir es genauso machen müssen, geht mir gegen den Strich. Nicht wegen dem Kirchenbesuch, sondern wegen der unvermeidbaren Zigarettenpause danach. Aber das hatten wir ja schon.
Sabine behält recht, über einen steilen Anstieg geht es den Berg hinauf. Stefan ist natürlich schneller, bleibt aber immer wieder stehen und wartet. Oben angekommen fällt sein Blick auf eine Bank am Ortsrand.
„Ich könnte eine Pause gebrauchen“, ist der zu erwarten gewesene Ausspruch.
Die Kirche ist nicht weit weg, weshalb ich lieber dort pausieren würde Sabines bittender Blick lässt mich aber schweigen.
Es ist gerade Mittagszeit, also holen wir unsere Haferriegel raus und Stefan seine Brotbüchse. Danach die unvermeidbare Zigarette, oder besser gleich zwei. Ich werde langsam hibbelig, doch Ablenkung naht.
Franz taucht auf. Schwitzend, aber dennoch in sein Regencape gehüllt. Warum er das anhat, erschließt sich mir nicht. Denn auch wenn die Ärmel hochgerafft sind, kommt keinerlei Luft an den Körper, den das Cape bedeckt.
Erst will unser Münchner Pilger weiterlaufen, setzt sich dann jedoch zu uns. Sein Bericht über die letzten Ereignisse lässt mich erkennen, dass wir mit Stefan als Begleiter wesentlich besser bedient sind.
Franz hatte ja ein Zimmer in einer Gaststätte und dort auch gespeist, sowie seine ein bis zwei Liter Bier getrunken. Das ist sein Lebenselixier, doch die Gaststättenpreise fürs Bier entsprechen nicht dem, was er sich vorstellt. Darüber lässt er sich schon ausführlich aus, doch die Quartierberechnung geht ihm dann ganz gegen den Strich.
Der Wirt verlang noch zusätzlich eine Kurtaxe, die auf der Internetseite nicht mit aufgeführt wird. Etwas, was uns fast immer begegnet ist, seit der Schweiz und in Frankreich. Meist wurden wir aber beim Check-in darauf hingewiesen. Ob das bei Franz nicht der Fall war erfahren wir nicht. Nur, dass er sich geweigert hat, diese 6 Euro und ein paar zerquetschte zu bezahlen. Bis aufs Messer hat er sich deshalb mit dem Wirt angelegt. Sein Abschlusskommentar uns gegenüber lässt mich wieder einmal fremdschämen:
„Man muss diesen Franzosen nur zeigen wo der Hammer hängt, damit sie was lernen!“
Tja, so kommt unweigerlich das beste Licht der Deutschen in ein fremdes Land.

Ich dränge zum Aufbruch und Franz beendet ebenfalls seine Brotzeit. Mit dem Hinweis, er muss heute noch viele Kilometer machen, bricht er auf. Ob er ein Quartier für die Nacht hat wissen wir nicht. Ich will es aber auch nicht erfahren und bin ganz froh, dass er im Sturmschritt von dannen zieht.
Der ausgeschilderte Jakobsweg führt zwar nicht an der Kirche vorbei, aber wir gehen natürlich trotzdem hin. Mit anschließender Zigarettenpause selbstverständlich.

Revel Tourdan ist erreicht und wir weichen seitlich vom Weg ab, um die Ferienwohnung am Ortsausgang zu erreichen. Es ist ein schönes Ferienhäuschen mit kleinem Pool davor, den wir auch nutzen können. Die Zeit wird allerdings dafür nicht reichen, denn auch wenn es nur 23,6km bis hier her waren, sind wir durch die vielen Pausen sehr spät angekommen.
Das Wohnhaus des Hausherrn ist gleich nebenan und in einem Gebäude davor betreibt er einen Pizza Lieferservice. Er hat eine breite Auswahl an Pizzen, Lasagne und Getränken, die bestellt werden können. Nach dem Zubereiten fährt er die Bestellungen dann mit seinen E-Autos aus. Ob er noch Angestellte und vielleicht ein Lokal hat erfahren wir nicht. Wenn wir bis 18:00Uhr bestellen, bringt er uns das Gewünschte dann ins Haus. Danach wird es schwierig meint er, weil dann seine Hauptgeschäftszeit beginnt.
Also schnell geduscht, dann das Faltblatt mit dem Angebot studiert. Während wir auf unser Essen warten unterbreite ich Stefan, dass wir nichts zum Übernachten in der gewünschten Entfernung gefunden haben. Nur in Clonas-sur-Varèze, etwas über 30km entfernt gibt es ein B&B, doch das ist Stefan zu weit und er beginnt selbst zu suchen.
Als der Hausherr mit den Pizzen kommt, fragen wir ihn, ob er Unterkünfte in Assieu oder Umgebung kennt. Er verneint, geht aber ohne zu zögern auf unsere Bitte ein, bei den beiden Adressen, die in unserem Wanderführer stehen, anzurufen. Per Mail angefragt hatten wir dort ja schon, aber keine Antwort erhalten.
Die erste Adresse können wir dann gleich streichen. Das Chambre d´hôtes gibt s nicht mehr. Die Betreiber haben durch Corona aufgegeben. Über die Telefonnummer der Gîte landet er im Gemeindeamt und bekommt dort eine andere Nummer, weil es die besagte Gîte auch nicht mehr gibt. Dort versucht er es mehrfach, es geht aber niemand ran. Weil er wieder seinen Geschäften nachgehen muss, bietet er an, zwischendurch immer wieder Versuche zu starten, aber ich befürchte, dass er keinen Erfolg haben wird.
Wir merken immer mehr, dass unser Wanderführer in Bezug auf die Übernachtungsmöglichkeiten nicht aktuell ist. Die Recherche erfolgte vermutlich vor oder während der Corona Pandemie und viele Unterkunft-Anbieter – auch in Deutschland und der Schweiz – haben während dieser Zeit aufgegeben. Dummerweise habe ich zur Via Gebennensis im Internet auch kein aktuelles Verzeichnis gefunden. Auf der Via Podiensis wird es dann besser, doch das nützt uns jetzt nichts.
Mir steckt die Erfahrung der letzten Nacht noch spürbar in den Gliedern. Das ist auch der Grund, warum ich mit Sabine überein komme, das Chambre d´hôtes in Clonas-sur-Varèze, zu buchen, bevor das nicht mehr verfügbar ist. Wir sagen das Stefan, der immer noch bei kürzeren Distanzen sucht und auf eine Erfolgsmeldung unseres Vermieters hofft.
Bis 20:00Uhr ist jedoch nichts dergleichen geschehen. In der Zwischenzeit habe ich beim Nachlesen im Reiseführer herausgefunden, dass wir die Distanz um 5km verkürzen können, wenn wir eine Wegvariante nehmen. Da entgehen uns zwar einige spektakuläre Blicke ins Land, doch wir kommen unter 30km. Stefan überprüft das in seinem Programm und das überzeugt ihn.
Die Ferienwohnung in Clonas-sur-Varèze hat auch wieder ein Doppelbett und eine Schlafcouch. Also schnell eine Anfrage gemacht, ob eine dritte Person mit übernachten kann. Auf die Antwort müssen wir noch warten, doch ich suche nach dem Vermieter unserer Ferienwohnung, damit er nicht weiter anruft, weil es schon auf 21:00Uhr zugeht. Wenn es nicht klappen sollte, dass Stefan mit bei uns übernachtet, sehen wir morgen weiter. Ich bin hundemüde und will einfach nur noch schlafen.

Sabine und ich ziehen uns in den abgetrennten Bereich mit dem Doppelbett zurück und stellen uns wieder einmal selten dämlich an. Auf dem Bett liegen bezogenen Kopfkissen und ein großer Bettbezug ohne Innenleben. Es ist warm im Raum und wenn wir aneinander kuscheln wird es schon reichen, denken wir.
Ist anfänglich auch so, wird im Laufe der Nacht aber anders. Durch die große Glasfront an der Seite zieht die Kälte herein und es braucht wirklich ganz engen Körperkontakt, damit wir nicht mit den Zähnen klappern. Dadurch wird auch diese Nacht nicht so erholsam, wie ich es mir gewünscht habe.
Am Morgen erkennen wir dann, wie selten dämlich wir uns verhalten haben. In den Schränken des Raumes gibt es Decken in verschiedener Dicke, die wir nur in den Bezug hätten einfügen müssen. Oder – was noch viel einfacher gewesen wäre – wir hätten unseren Schlafsack genutzt, den wir ja mitschleppen. Stefan schläft ja nur im Schlafsack.
Wie blöd kann man eigentlich sein?

Unser Mitpilger ist schon seit 05:00Uhr auf, weil er um diese Zeit seine erste Kippe rauchen muss und vors Haus gegangen ist. Danach legt er sich meist noch ein Stück hin und daddelt auf dem Handy. Also ist es kein Problem, um 06:00Uhr wie gewohnt aktiv zu werden.
Mein erster Blick gilt den Mails. Die Antwort von der Unterkunft ist da und positiv. Ich teile das Stefan mit und wir können uns damit gleich für diese Übernachtung revanchieren. Das beruhigt mein Gewissen schon ein wenig.
Nacheinander suchen wir das Bad auf, um anschließend wenigstens noch einen Kaffee zu trinken, bevor wir den Bäcker im Ort aufsuchen, um etwas fürs Frühstück zu kaufen. Ich nutze die Zeit, bis der Kaffee fertig, ist um mich um die letzte Übernachtung für dieses Wochenende zu kümmern. Ich hatte schon am Vorabend ein wenig dazu recherchiert und etwas gefunden, wo ein bis drei Personen übernachten können.
Die Unterkunft ist noch verfügbar und wird von Pilgern sehr gelobt. Ich brauche jetzt Sicherheit nach den Erfahrungen der letzten Tage und frage Stefan, ob er mit dort übernachten will. Ganz schnell geht das bei ihm nicht. Er muss erst selbst recherchieren, die Entfernung kontrollieren und stellt fest, dass es auf dem Weg dahin einige steile Anstiege zu überwinden gibt. Ich mache ein wenig Druck, weil ich sonst nur für zwei reserviere. Zögerlich stimmt er zu, auch wenn er mit einem Campingplatz liebäugelt, der in kürzerer Distanz zu erreichen wäre.
Das ist erledigt und ich fühle mich wohler. Jetzt können wir aufbrechen.

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