
Selbstreflektion
Beim Frühstück am Morgen des nächsten Tages, zeigt ein Blick auf mein Handy eine SMS an. Es ist die Antwort auf meine Information über das fehlende Frühstück. Auf einer Bank im Gang vor dem Zimmer soll die Nachlieferung bereitliegen.
Dem ist auch so. Zusammen mit den fehlenden Handtüchern – die wir jetzt allerdings nicht mehr brauchen – finde ich, was in der Nachricht angekündigt ist. Wichtig war mir eigentlich nur, dass keine Nachforderungen kommen, die wir dann aufwendig abbügeln müssen.
Den Zimmerschlüssel haben wir in der dafür vorgesehenen Box deponiert und sind wieder auf dem Weg. Das Wetter ist perfekt und die bevorstehende Etappe sogar kürzer als die vom Vortag, in der Hoffnung, dass es Sabines Füßen guttut.
Gleich im nächsten Ort begegnen uns viele Leute, die ihre Hunde Gassi führen. Eine Frau kommt uns mit drei großen und drei kleinen nicht angeleinten Hunden entgegen. Sabine wird es da schon ein wenig mulmig, doch es gibt keine Probleme.
Sind wir anfänglich noch am See entlang gelaufen, geht es bald davon weg, weil eine vielbefahrene Straße in Ufernähe ist. Der ausgeschilderte Weg führt jetzt durch Obstplantagen und Weinberge. Dabei können wir bei einer Pause beobachten, wie mühselig die Arbeit der Winzer ist.
Auf einem Hocker sitzend, der mit drei kleinen Rädern ausgestattet ist, bewegen sich eine Frau und ein Mann an den Weinstöcken entlang den Hang hinab. Bei jeder Pflanze halten sie an und binden die Reben hoch.
Unten angekommen, greift sich der Mann die Tragekiste mit seinem Arbeitsmaterial und strebt zwischen den Reihen der Weinstöcke den Berg hoch. Dabei zieht er den Hocker an einem Strick hinter sich her.
Nicht weit von uns auf einer Bank sitzenden Pilgern kommt er auf den Weg, der den Hang quert. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, atmet tief durch und grüßt, bevor er sich eine Reihe weiter wieder an die Arbeit macht. Wie oft wird er diese Arbeit noch bis zur Ernte machen müssen?
Da bekommt man ja ein schlechtes Gewissen, wenn man eine Flasche Wein für drei oder vier Euro kauft.

Am Ortseingang von Bursinel ist für uns Pilger sogar der rote Teppich ausgerollt. 😊

Spaß beiseite. Der Bürgersteig ist wegen einer Baustelle gesperrt und die Fußgängerumleitung geht über eine Wiese. Um den Boden zu schonen, sowie den Passanten saubere Schuhe zu garantieren, haben die Bauarbeiter rote Außenmatten ausgelegt. Da können sich deutsche Baufirmen noch eine Scheibe abschneiden!
Wie am Tag vorher beginnen Sabines Füße bald wieder zu schmerzen. Stehen bleiben und sich mal umsehen, ohne auf der Stelle zu treten, fällt ihr schwer.
Ich sehe ihr das an, obwohl sie die Zähne zusammenbeißt und nicht klagt, denn sie will unbedingt bis Genf kommen. Am liebsten würde sie versuchen, auch noch weiter nach Frankreich hinein zu laufen. Eine Reaktion auf den unbewussten Druck, den ich aufgebaut habe.
Oder ist das gar nicht so unbewusst?
Manchmal bin ich mir – wenn ich im Nachhinein über solche Dinge nachdenke – nicht sicher, ob das nicht so eine Unart von mir ist, mit der ich manipuliere. Wenn auch in dem Moment nicht mit dem Vorsatz auf dieses Ziel.
Sabine ist das Pilgern mit mir sehr wichtig. Es ist eine gemeinsame Zeit, die uns Freude bereitet. Diese Wochen, in denen wir 24 Stunden am Tag zusammen sind und … in denen wir auch fast durchgängig sehr gut harmonieren, sind für sie das Highlight in unserem Alter.
In unserem bisherigen Eheleben gab es nie so viel Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Jeder hatte seine Bereiche, die er mit Arbeit, Haus, Hof und Kindern abgedeckt hat. Gemeinsame Aktivitäten blieben da oft auf der Strecke. Auch jetzt, in unserem Rentnerleben, geht oft jeder seinen eigenen Weg. Das liegt daran, dass unsere Interessen und Wünsche in vielen Fällen nicht deckungsgleich sind. Beim Pilgern haben wir etwas Gemeinsames gefunden, in dem wir aufgehen. Etwas, was meine Frau nicht mehr missen möchte.
Nun habe ich in den letzten Tagen einigen Frust in mir aufgebaut. Dieses sehr schnelle Ende unserer diesjährigen Tour lässt mich die Lust am Pilgern verlieren. Erneut ist alles gleich schwarz, was mich zu Gedanken treibt, die eigentlich gegen meine inneren Wünsche stehen.
Ich äußere Sabine gegenüber, dass ich keine Freude mehr am Pilgern habe und spreche die Absicht aus, diese Aktivitäten einzustellen. Dann würde mir auch viel mehr Zeit bleiben für meine Arbeiten an Haus und Hof.
Eine Kurzschlussreaktion, die mir in diesem Moment allerdings sehr ernst ist. Die ich nach meinem Gutdünken zu diesem Zeitpunkt auch für richtig halte.
Sabine macht das sehr traurig, was sie mir allerdings erst später gesteht. Es bringt sie dazu, entgegen dem Wissen, dass es mit den zu kleinen Schuhen nicht geht, anzudenken, den Weg weiter zu gehen.
Sie sagt mir das auch so und ich vermute, dass mir da bewusst wird, wie ich mich verhalte.
In den letzten Tagen hatte ich immer wieder einmal im Wanderführer der Via Gebennensis gelesen. So auch, als wir noch warten müssen, weil wir vor der Check-In Zeit beim Hotel in Gland angekommen sind. Wir sitzen auf Stühlen vorm Eingang, weil in der Gaststätte Ruhetag ist und wir durch die kurze Etappe sehr zeitig vor Ort sind.
Ich zeige Sabine die Höhendiagramme der ersten Etappen nach Genf und auch, was als Allgemeines über diesen Jakobsweg im Buch steht.
Die Aussage, dass man nur unter Schwierigkeiten, mit Taxi, oder vielleicht – wenn man den Busfahrer überzeugen kann – mit einem Schulbus zum nächsten Bahnhof kommt, lässt Sabine in ihrem Entschluss wanken.
Für mich ist es auch der Beginn eines Umdenkens. Allerdings geht das nicht so schnell wie bei solchen Kurzschlussreaktionen. Die vernünftigen, durchdachten Entschlüsse brauchen bei mir Zeit.
Einige Zeit später zeigt sich ein Mann am Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Er spricht uns auf Französisch an. Natürlich erfolglos, weil wir es nicht verstehen.
Irgendwie machen wir ihm aber begreiflich, dass wir ein Zimmer gebucht haben und er greift zum Telefon. Wenig später steht er vor uns, immer noch mit jemand am Handy sprechend. Er erkundigt sich nach unserem Namen, gibt ihn weiter und nur wenig später führt er uns ins Hotel.
Also, das hört sich jetzt so locker leicht an, ist aber durch die Sprachbarriere mit einigem hin und her verbunden. Mit einem Kauderwelsch aus Französisch und Englisch bekommen wir das aber hin. Er zeigt uns, wo es am nächsten Morgen um 07:00 Uhr Frühstück gibt, bringt uns zum Zimmer und übergibt uns die Schlüssel.
Sabine lässt sich stöhnend aufs Bett sinken und streift die Schuhe ab. Sie kann auf keinen Fall noch nach Frankreich hinein laufen, dessen bin ich mir sicher! Schon die Strecke bis Genf könnte sie an die Grenze bringen, aber hier haben wir jederzeit die Möglichkeit mit Schiff, Bus oder Bahn weiter zu kommen. In Frankreich wird das schwieriger, also steht das Ende in Genf eigentlich fest.
Da die Gaststätte an diesem Tag geschlossen ist, mache ich mich wenig später auf den Weg zu einem Supermarkt. Wir brauchen noch etwas fürs Abendessen und meinen Füßen geht es ja gut. Der Hin- und Rückweg von etwa 45 Minuten gibt mir Raum zum Überlegen. Ich werde Sabine versprechen, dass wir weiter auf Tour gehen und wir buchen, wenn ich zurück bin, die Zugfahrt nach Hause.
Als ich das Zimmer betrete, steht Sabine am Fenster und blickt hinab auf die Liegewiese, die seitlich vom Hotel vor dem See ist. Dort sitzen bei dem sommerlichen Wetter schon einige sonnenhungrige Leute. Viele der Frauen mit möglichst wenig Kleidung, um sich zu bräunen.
„Jetzt hast du die junge hübsche Frau im String Bikini verpasst“, sagt sie mit Schalk in der Stimme über die Schulter.
„Ach, deshalb hast du mich einkaufen geschickt“, gehe ich auf den Spaß ein.
„Na klar, sonst kommst du doch vom Fenster nicht mehr weg.“
Die Leichtigkeit ist wieder da und wir entschließen uns, die Landjäger und Brötchen auf einer Bank bei der Liegewiese zu verspeisen.
Natürlich auch mit dem Hintergedanken, dass ich noch einen Blick auf die junge Frau erhaschen kann. 😊
Der Weg zu einer Bank führt über die Liegewiese. Erst da wird ersichtlich, wie viele – vor allem junge Leute – den warmen Frühlingsabend hier genießen. Einige haben es sich auf Decken bequem gemacht, andere sitzen auf den Bänken, die im oberen Bereich stehen.
Von unserem Fenster aus waren die meisten gar nicht zu sehen.
Die Bank, die wir auserkoren hatten ist inzwischen von Teenagern besetzt, die lautstarke Musik hören. Warum die Jungs dabei auf der Lehne sitzen müssen und mit ihren Schuhen die Sitzfläche verschmutzen, ärgert mich. Hm, aber vielleicht hätte ich das in ihrem Alter auch so gemacht, um cool zu wirken?
Wir suchen uns also eine andere Bank, auf der wir unser Abendessen einnehmen. Danach nehmen wir über die wenigen Stufen hinab zum See und tauchen ein in die Abendstimmung. Der Blick zu den schneebedeckten Gipfeln auf der anderen Seeseite ist einfach wunderschön.
Auf dem Rückweg ins Hotel macht mich Sabine auf die junge Frau im String Bikini aufmerksam. Sie sitzt jetzt allerdings auf einer Decke und vom String ist dadurch nichts zu sehen. Ich weiß also nicht, welcher Anblick mir entgangen ist. 😊


Die letztem zwei Etappen bis Genf und Heimfahrt
In der Nacht hat es kräftig geregnet, wovon auch die Pfützen deuten, die wir beim Verlassen des Hotelgeländes umgehen.
Kurz nach Gland führt der Weg an einer langen Reihe von Betonklötzen entlang. Sie sind bekannt als «Tobleronen»-Linie (Sentier des Toblerones) und stammen aus dem zweiten Weltkrieg.

Danach geht es einige Zeit durch schöne Wälder und Weinberge. Kurz vor Prangins setzt leichter Regen ein, weswegen wir den Rucksackregenschutz überziehen. Er lässt dann wieder nach, setzt jedoch in Nyon erneut ein. Diesmal etwas stärker, sodass wir uns bei dichtbelaubten Bäumen unterstellen. Sabine hält es aber nicht lange aus, weil beim Stehen ihre Füße mehr schmerzen als beim Gehen. Trotz Regen setzt sie den Weg deshalb fort, während ich das Ende abwarten will.
Als ich ihr schließlich folge übersehe ich einen schmalen Trampelpfad, der den Hang hinab zu den Bahngleisen führt. Ich deute den Wegweiser anders und laufe eine schmale Zufahrtsstraße zum Gewerbegebiet entlang. Nach circa 200m macht es mich stutzig, dass keine weiteren Hinweisschilder mehr kommen. Ein Blick auf die GPS-Tracks zeigt mir, ich bin ein ganzes Stück neben dem Pilgerweg. Jetzt den Hang hinunter abzukürzen geht nicht, vor allem, weil ich dann auch nicht weiß, ob wir uns dadurch verfehlen. Also laufe ich zurück, was natürlich Zeit kostet. Sabine verfällt inzwischen in leichte Panik, weil sie erwartet hat, dass ich viel schneller aufschließe und dreht wieder um. Auch als sie mich schon sieht, läuft sie mir weiter entgegen und ich kann ihr die Erleichterung ansehen, als wir aufeinandertreffen.
In der Innenstadt von Nyon bietet sich für uns die Gelegenheit, dass Standartabendessen zu besorgen, weil wir nicht sicher sind, ob wir im Chateau de Bossey etwas bekommen können. Wenn die Möglichkeit besteht, werden wir es wahrnehmen und die Brötchen, nebst Landjäger für die Zugfahrt aufsparen.
Obwohl es langsam voran geht und wir auch viele Pausen gemacht haben, kommen wir schon um 15:00 Uhr beim Chateau an. Es waren ja auch nur 17,4 km, die wir an diesem Tag zurückgelegt haben. Glücklicherweise können wir auch gleich einchecken, damit Sabine ihre Füße aus den Schuhen bekommt.
Das alte Schloss ist in kirchlicher Trägerschaft. Es wurde ausgebaut als Kongresszentrum, dient aber gleichzeitig auch als Unterkunft für Pilger und andere Reisende. Das gesamte Ambiente wirkt edel, fast gehoben, wozu auch die gestylten Seminarteilnehmer beitragen, die uns beim Betreten des Geländes begegnen.

Da kommt wieder meine Beklemmung zum Tragen, die mich als verschwitzter Pilger in solchen Momenten meist befällt. Allerdings ist der Empfang an der Rezeption ausgesprochen freundlich, was sehr beruhigend auf mich wirkt.
Abendessen können wir auch um 19:00 Uhr bekommen und so bleibt uns viel Zeit, die wir auf verschiedene Art nutzen. Erst frisch machen, dann Blog schreiben – Sabine Tagebuch, während sie die Füße hochlegt. Weil der angekündigte Regen ausbleibt, schlüpft Sabine später in ihre Bahrfußschuhe, damit wir einen ausgedehnten Spaziergang durch den umgebenden Park machen können.
Ein freilaufender Hund fällt uns dabei auf. Das große gepflegte Tier, läuft in aller Ruhe durch die Anlage. Schnuppert da und dort, bevor es sich zu den Abfallkübeln begibt, die unter einer Überdachung etwas abseits des Hauses stehen. Es ist offensichtlich, dass sich der Hund hier auskennt und vermutlich auch gelitten wird, weil er niemand belästigt. Ob seine Suche nach etwas Fressbarem erfolgreich ist, sehen wir allerdings nicht.
Dafür können wir Seminarteilnehmer bei vertrauensbildenden Übungen beobachten. Sabine erinnert sich an Yogakurse, wo ähnliches auf dem Programm stand.
Der angekündigte Regen kommt dann erst, als wir zur Ruhe gehen.
Tag 8 und zugleich der letzte vor der Heimreise:
Gegen Morgen hört der Regen auf. Was haben wir doch für ein Glück, dass es nur in der Nacht stark nieder ging und wir ohne Regencape die letzte Etappe laufen dürfen.
Als wir nach dem Frühstück das Schloss verlassen, ist der Hund schon wieder auf Erkundungstour bei den Abfallkübeln. Es gibt vermutlich doch immer mal was für ihn an diesem Ort.
Der Boden ist aufgeweicht und der Himmel wolkenverhangen, als wir die Allee hinablaufen, die uns vom Schloss wegführt. Nur noch wenige Tropfen fallen vom Blätterdach auf uns herab, aber es dauert auch nicht lange, bis sich die Sonne durch die Wolken gekämpft hat.

Diese letzte Etappe vor Genf ist weniger spektakulär. Das konnten wir auch schon aus dem Reiseführer herauslesen. Dennoch gebührt den Menschen, die sich um die Streckenführung kümmern ein großes Dankeschön. Es ist ihnen immer wieder gelungen, den Weg durch Parks und Grünanlagen zu führen, damit man nicht nur auf asphaltierten Wegen durch den Speckgürtel des Genfer Sees laufen muss.
Kurz vor Bellevue können wir die ersten Blicke auf Genf werfen. Sogar die große Fontäne, für die Genf berühmt ist, dürfen wir hier schon bewundern.

Schon einige Zeit können wir die vom Genfer Flughafen startenden Flugzeuge erleben. Fast im fünf Minutentakt steigen sie über uns auf. Je näher wir der Stadt kommen, um so detaillierter können wir sie sehen. Bei jedem hebt meine Frau den Kopf und bedauert es fast ein wenig, dass sie nicht weiß, wohin die Maschinen fliegen werden.
Wir wähnen uns dem Ziel schon nahe, doch ein paar Schwierigkeiten muss es auf dem Jakobsweg schon geben. Kurz nach Genthod-Bellevue ist der Fußweg gesperrt. Eine riesige Baustelle, die sich nach allen Seiten ausbreitete, zwingt uns, nach einer Alternative zu suchen. Die Beschilderung zeigt für Fußgänger nach rechts. Wir folgen ein Stück den Berg hinauf, bewegen uns aber immer weiter in Richtung Flughafen, was so gar nicht unserer Richtung entspricht. Also umkehren, an der Baustelle entlang den Berg hinab zur Rte de Lausanne.
Auf einem Radweg folgen wir der Straße ein ganzes Stück, bis wir sie und die Bahnlinie wieder queren können, um auf den ausgeschilderten Pilgerweg zu kommen. Ein Umweg von 1,5-2 km. Vielleicht hätten wir auch weiter an der viel befahren Straße entlang laufen können, ich bin mir aber nicht sicher, ob der Radweg durchgängig vorhanden ist. Weil wir bei solchen Aktionen schon schlechte Erfahrungen gemacht haben, suchen wir lieber den ausgeschilderten Weg.
Naja, außerdem wollte sich Sabine heute noch einmal mit ihren Füßen geißeln, weil das zum Jakobsweg dazu gehört, hat sie gemeint. 😉
In Pregny Chambésy holen wir uns in einer katholischen Kirche noch einen Stempel, denn wir wissen nicht, ob es Sabine noch bis zur Kathedrale von Genf schafft.

Vom Bahnhof bis dorthin ist es noch ein ganzes Stück zu laufen, entnehmen wir Google Maps. Der Aufstieg nach Pregny und wieder hinab nach Genf, ist auf den asphaltierten Wegen für meine Frau schon Herausforderung genug.
In einem Park sehen wir dann noch einmal von weitem die Pilgerin aus Stuttgart. Mit ihrem großen Hut und Rucksack unverkennbar. Sie ist also auch nicht schneller ans Ziel gekommen und wir hatten nicht erwartet, dass es auch für uns vorerst ein Ende der Reise in Genf sein wird, als wir sie am Anfang trafen.

Nach 23,9 km erreichen wir den Bahnhof. Es sind 2 km mehr als erwartet, die aber vermutlich dem Umweg nach Genthod-Bellevue geschuldet sind. Es bleibt noch viel Zeit, bis zur Anfahrt unseres Zuges. Verschwitzt wie wir sind, möchten wir aber nicht in der Stadt nach einem Café suchen und später im Zug sitzen. Also die Gepäckaufbewahrung aufsuchen und frische Kleidung aus dem Rucksack kramen.
Sabine geht als erste zur Toilette, um sich dort umzuziehen und hat Glück. Es ist gerade eine Reparatur bei den Einlassschranken im Gange, die es ihr erlaubt, ungehindert die Toilette aufzusuchen.
Mir ist Fortuna nicht so hold, als ich mit meinem Kleingeld bei der Schranke ankomme. Münzen nimmt das Teil nicht und meine Karte akzeptiert es auch nicht. Alle anderen zahlen mit dem Handy, kann ich beobachten, doch eine entsprechende App habe ich nicht installiert.
Frustriert drehe ich um. Da müssen die Genfer mich eben verschwitzt ertragen, lege ich fest!
Wir deponieren unsere Rucksäcke in den Schließfächern, doch mein Wanderstab passt nicht mit rein. Ich lege ihn deshalb oben auf drauf, in der Hoffnung, dass sich niemand dafür interessiert. Zu sehen ist er jedenfalls nur aus einem bestimmten Blickwinkel. Jetzt können wir unbeschwert noch eine Runde durch Genf drehen.
Sabine hat ihre Barfußschuhe an, mit dem das Laufen etwas besser geht. Trotzdem ist es nur ein Schlendern als wir zum See gehen. Der Wunsch, noch einen Kaffee und etwas Gebackenes zu uns zu nehmen, treibt uns um. Es gibt Eis, Getränke und Fast Food, aber nichts, nach dem uns der Sinn steht.
Wir gehen deshalb zurück und folgen einer langen Straße rechts vom Bahnhof. Leider ist auch dort nichts zu finden, was unseren Wünschen entspricht. Also doch beim Bahnhof selbst etwas entsprechendes suchen.
Im Außenbereich ist auch nichts zu sehen und nur über eine Kreuzung hinweg können wir zur Basilika Notre-Dame gelangen. Zu dumm aber auch, dass wir die Pilgerausweise im Rucksack gelassen haben. Wenn wir jetzt dort einen Pilgerstempel bekommen könnten, ärgern wir uns. Es gibt aber keinen.
Zurück zum Bahnhof also, um nun doch ein Café im Innenbereich aufzusuchen. Die wirken allesamt nicht so einladend, weshalb wir erst draußen unterwegs waren.
Schließlich finden wir doch eins, wo wir uns setzen können, allerdings bemerke ich, kaum dass ich Platz genommen habe, dass die Sitzfläche mit irgendetwas voll gekleckert ist. Ich versuche es mit einer Serviette abzuwischen, doch es ist schon angetrocknet. Naja, falls was an meinen Hosen klebt, im Nachtzug wird es wohl keiner bemerken.
Kurz vor Abfahrt des Zuges holen wir unsere Rucksäcke aus den Schließfächern und oh Schreck, der Wanderstab ist weg.
Ich gehe zum Schalter der Wechselstube, die im Eingangsbereich der Gepäckaufbewahrung ist und erkundige mich, mit der Übersetzungs-App danach. Der Mann am Schalter ruft einen Bahnhofsbeamten herbei, der bei den Schließfächern für Ordnung sorgt und ich bekomme den Wanderstab wieder ausgehändigt.
Noch mal Glück gehabt!
Also auf zum Abenteuer Bahnfahrt. Wir sind jedoch optimistisch, dass es bei dieser Nachtfahrt ohne Probleme abgeht.

Zunächst scheint es auch so zu sein. Der Zug ab Genf startet pünktlich und kommt auch zur festgesetzten Zeit in Zürich an.
Genügend Zeit zum Umsteigen ist vorhanden, weshalb es auch kein Problem ist, im schon am Bahnsteig stehenden „Night Train“ einen Sitzplatz zu suchen. Die Abfahrtzeit ist schon leicht überschritten, doch der Zug bewegt sich nicht. Eine Durchsage des Zugführers bringt Aufklärung: Es ist kein Lockführer da.
Irgendjemand hat beim Dienstplan geschlampt und jetzt musste erste ein Lockführer gesucht werden. Bis der da ist bewegt sich gar nichts, aber es sollte nicht gar so lange dauern.
Das sagt der Zugführer auch weiterhin im Viertel-Stundentakt durch, bewegen tut sich jedoch nichts. Na das kann ja heiter werden.
Erst nach fast 45 Minuten geht es endlich los. Wir hoffen aber immer noch, dass der Zug so viel Zeit gutmacht, damit wir unseren Anschluss in Mannheim schaffen.
Je näher wir diesem Bahnhof kommen, um so offensichtlicher wird es aber, dass dem nicht so sein wird. Ich suche nach Alternativen, deren es in der Nacht jedoch nicht viele gibt.
Schließlich sind wir in Mannheim für 1,5 Stunden gestrandet. Erst dann fährt wieder ein Zug, mit dem wir weiterkommen können.
Na gut, dann eben in der Bahnhofshalle warten. Nur zu dumm, die ist zugesperrt und wird erst um 04:30 Uhr, wenn unser Zug abfährt, wieder geöffnet.
Wie viele weitere Bahnkunden, denen es wie uns ergeht, stehen wir in der Unterführung der Bahngleise, weil es auf den Bahnsteigen zugig und sehr kalt ist. Aber auch hier wird es nach einiger Zeit so kalt, dass wir weitere Kleidungsstücke aus dem Rucksack kramen.
In der Hoffnung, dass es in Bahnhofsnähe etwas gibt, wo wir im Warmen warten können, gehe ich nach draußen, werde aber nicht wirklich fündig. Ein Dönerladen hat zwar auf, ist jedoch schon hoffnungslos überfüllt, mit auch zweifelhaften Gestalten.
Also zurück in die Unterführung und mit den anderen Reisenden weiter frieren. Einige haben sich inzwischen auf den Boden gesetzt, oder gar mir dem Kopf auf dem Gepäckstück hingelegt. Ein Mann hat sogar einen Schlafsack aus seinem Gepäck gekramt und geht in ihn gehüllt unruhig hin und her.
Ein bisschen vor 04:30 Uhr öffnet die Bahnhofshalle, doch wir müssen auf den Bahnsteig.
Die restliche Heimfahrt funktioniert dann problemlos. Im letzten Zug nach Greiz werden dann noch einmal die Fahrkarten kontrolliert und der Schaffner sagt:
„Oh, von Genf kommen Sie. Von einer Weltstadt in die andere also.“
’Naja, Greiz Weltstadt?‘, denke ich und muss grinsen.
Mit zwei Stunden Verspätung endet unser Abenteuer Bahnfahrt schließlich in der Weltstadt Greiz. 😊
