Der Bahnhof von Genf.

Zweiter Versuch / Genf

Es ist irgendwie ein fades Gefühl, nach nur so wenigen Tagen wieder zu Hause zu sein. Ja, ich habe genügend Arbeit, mit der ich mich ablenken kann, dennoch habe ich den Eindruck, dass mich irgendetwas zurück auf den Jakobsweg ziehen will.
Sabine geht es nicht viel besser und wir tauschen uns des Öfteren darüber aus. Es herrscht Übereinstimmung darin, dass wir weiter pilgern wollen. Die Fragen sind nur: Wann wollen wir erneut auf Tour gehen und wo?
Sabine denkt erst darüber nach, nur noch in Deutschland zu laufen. Es wäre finanziell günstiger, zumal wir schon kürzere Anreisen hätten. Das Verständigungsproblem, weil wir des französischen nicht mächtig sind, gäbe es in diesem Fall auch nicht. Aber auch wenn ich anfänglich ähnlich denke, irgendetwas zieht mich auf den einmal begonnenen Weg zurück. Ich kann nicht sagen was es ist und habe eine gewisse Angst davor, an der Sprachbarriere zu scheitern, möchte diesen einmal begonnen Weg aber gerne beenden.
Bevor wir eine Entscheidung treffen, müssen wir aber erst das Schuhproblem lösen, was auch wieder mit finanziellen Aufwendungen verbunden ist, wie wir bald feststellen.
Sabine widerstrebt es gewaltig, noch einmal neue Schuhe zu kaufen. Sie trägt sich anfänglich mit dem Gedanken, die vom Vorjahr zu verwenden, auch wenn sie dabei vielleicht nasse Füße bekommen wird. Ich befürchte allerdings, dass die Risse beim Laufen größer werden. Vielleicht so groß, dass sie dann gar nicht mehr damit laufen kann.
Irgendwann erinnere ich mich daran, wie ich es gemacht habe, wenn ich Computerteile nicht über den Großhändler reklamieren konnte. Da gab es meist den Weg über die Hersteller. Also recherchiere ich und finde die deutsche Vertretung der Marke Keen – wo man uns anfänglich Mut macht. Diese Bemühungen laufen allerdings bald ins Leere.
Nach einigem hin und her ist Sabine so weit, sich doch noch einmal neue Schuhe zuzulegen. Sie möchte aber gut beraten werden, weshalb wir das Trekking-Fachgeschäft „draussen leben“ aufsuchen.
Warum haben wir das nicht gleich beim ersten Schuhkauf in diesem Jahr getan? Unsere Schlafsäcke und einige andere Wanderutensilien haben wir doch auch dort erworben.
Letztlich ist es egal, doch wieder einmal eine Bestätigung, dass eine gute Beratung durch nichts zu ersetzen ist!
Gut beraten wird Sabine auf jeden Fall. Leider sind Schuhe mit viel Zehenfreiheit in ihrer Größe aber nicht im Laden vorrätig. Sie müssen erst bestellt werden und kommen vermutlich wegen des Himmelfahrtsfeiertages erst in der Folgewoche an.
Die Entscheidung, den Weg ab Genf noch in diesem Jahr fortzusetzen, ist schon vorher gefallen, doch jede Verzögerung bringt uns den heißen Sommertagen näher. Die wollten wir mit unserem Start im April eigentlich umgehen, nun sind wir schon wieder in dem Zeitfenster des Vorjahres.
Trotzdem steht fest, dass wir in diesem Jahr noch einmal auf Tour gehen wollen, sobald die neuen Schuhe da sind. Sabine hat für sich entschieden, auch ohne lange Tests vorher mit ihnen pilgern zu gehen. Also mache ich mich an die Planung, nachdem meine Frau sie abgeholt hat.
Dabei merke ich schnell, wir müssen es noch eine Woche hinausschieben.
Pfingsten steht vor der Tür. Die Übernachtungskosten in Genf und bei den nächsten Etappenzielen sind daher höher als gewöhnlich. Im Reiseführer wird auch empfohlen nicht an den Wochenenden zu starten, weil da meist sehr viele Pilger auf der Via Gebennensis starten, was zu vollen Quartieren führt. Eine Unterkunft am gewünschten Etappenziel zu finden ist dann oftmals problematisch.
Gut, dann eben der Dienstag nach Pfingsten. Ha, da sind die Preise – auch bei der DB – immer noch um ein Vielfaches höher als sonst und so wird es Mittwoch, der 27.05.2026.

Auch dieses Mal soll es mit der Bahn um 04:15 Uhr losgehen. Tja und das Abenteuer beginnt schon vor dem Start. Der Zug kann wegen eines Feuerwehreinsatzes nicht abfahren. Die Zugbindung wird bereits vor dem Start aufgehoben. Wie bei unserer Rückfahrt von Genf spricht man anfänglich von 15 Minuten Verspätung und dann wird es immer mehr. Den Anschluss in Gera schaffen wir nicht mehr, müssen wir bald erkennen. Aber es gibt eine Stunde später eine Alternative. Oder doch nicht?
Auch das erscheint bald knapp zu werden. Ich frage einen Bahnangestellten und der meint, wenn wir eine andere Möglichkeit haben, um nach Gera zu kommen, sollten wir sie nutzen. Wir entschließen uns, mit dem Auto nach Gera zu fahren, was uns nicht gefällt, weil es dann von dort geholt werden muss. Aber alles fügt sich. Ein Taxibus fährt Bahnangestellte nach Gera und wir und vier Mitreisende dürfen mitfahren.
Jetzt sitzen wir im Zug nach Erfurt und hoffen, dass wir die weitere Anschlüsse erwischen.
Der ICE von Erfurt bis Mannheim ist so etwas von pünktlich. Also auf die Minute, was wir gar nicht gewohnt sind.
Vor lauter Freude habe ich dann beim Umsteigen meinen Wanderstab auf der Gepäckablage liegen gelassen. Jetzt habe ich ein Problem, denn vor allem bei Abstiegen war er sehr hilfreich für mich. Ohne ihn wird es für mein Knie eine große Herausforderung.
Nun gut, jetzt sind wir unterwegs und müssen eine Alternative suchen. Und auch hier scheint sich wieder alles zu fügen, denn obwohl wir in Gera eine Stunde später abgefahren sind, kommen wir eine halbe Stunde früher als geplant in Genf an. Da die Zugbindung aufgehoben wurde, konnten wir ab Erfurt eine Verbindung nehmen, die sonst teurer gewesen wäre, wie die geplante. Der Vorteil, wir haben noch Zeit Geschäfte aufzusuchen, um einen Wanderstab zu besorgen.
Bevor wir uns auf die Suche machen, begeben wir uns erst zum Hostel, damit wir dort unsere Rucksäcke abstellen können.

Es ist ja nicht weit vom Bahnhof bis zum Quartier und der Check-in läuft problemlos ab. Also sind wir bald darauf in der Stadt unterwegs.

Drei Geschäfte suchen wir auf, nur um dann einen Wanderstab im zuerst besuchten Laden zu erwerben. So wie ich ihn mir wünsche ist er nicht, doch immer noch besser als gar keiner.
Ich habe jetzt wieder eine Stütze, allerdings nicht in der Länge wie meine selbst geschnitzte. Mal sehen wie ich damit klar komme.

So, nun wird es Zeit noch ein bisschen was für das leibliche Wohl zu tun. In ein Restaurant wollen wir nicht unbedingt gehen, denn das wären wieder Kosten, die unsere Reisekasse sehr belasten. Also suchen wir nach einem einfachen Imbiss in der Nähe unseres Hostels.
Da wäre gleich auf dem Weg zwischen Unterkunft und Bahnhof ein Subway. Eine Fast Food Kette, deren Filialen ich bisher nur von außen her kenne. Gleich nach dem Eintreten bin ich schon überfordert. Auf den Bildschirmen über der Theke wechseln die Bilder so schnell, dass ich nicht ausmachen kann, was das Angebot beinhaltet. Eine Menükarte, bei der man zeigen kann, das will ich haben, sehe ich nicht und die Gäste werden von dem Mann hinter der Theke so flott bedient, wie bei einer Fließbandabfertigung.
Kurz sehe ich mir an wie das abläuft, wobei meine Ängste sich fast zur Panik steigern.
Das wird hier nichts, wenn ich der Sprache nicht mächtig bin, stelle ich fest. Die Gäste sagen der Bedienung, womit das Baguette belegt werden soll, wobei alles zügig abläuft, damit kein Stau entsteht. Unmöglich für mich, ich muss hier raus.
Ein bisschen hektisch verlasse ich die Filiale, gefolgt von meiner Frau, die sich nicht so leicht hätte unterkriegen lassen. Da kommt meine Unsicherheit voll zum Tragen. Sabine entlockt es ein Schmunzeln, schmiert es mir aber nicht aufs Butterbrot, wie man so schön sagt.
Beim Bahnhof war auch noch ein Fast Food Restaurant, hatten wir gesehen und streben dem nun zu. Herausfordernd wird es im Kentucky Fried Chicken auch, doch ich muss wenigstens niemand sagen, was ich möchte. Es gibt Terminals, über die man seine Bestellung zusammenstellen kann.
Wir stehen mit unserem Handy davor und hangeln uns mit der Übersetzungs-App durch das Menü, bis wir am Ende fast scheitern, weil die Übersetzung anzeigt, wir sollen unsere Tischnummer angeben. Ein Gang durch den Raum zeigt mir nirgends Nummern bei den Tischen an, aber mir fällt auf, dass andere Gäste mit einem Beleg vom Terminal zu der Ausgabe gehen.
Wir schließen die Bestellung also mit einem Schalter ab, der nicht richtig übersetzt wird und nach Bezahlung mit Karte bekommen wir unseren Beleg. Jetzt kann ich mich bei der Ausgabe einreihen, bin jedoch ganz schön frustriert. Wenn das immer so lange dauert, bis wir ans Ziel kommen und mit solchen Schwierigkeiten verbunden ist, wird diese Reise kein Spaß.
Somit tritt genau das ein, wovor ich mich auf diesem Weg fürchte!

Zurück im Hostel schreibt Sabine noch Tagebuch und ich den Blog, bevor wir zeitig zur Ruhe gehen.
Die Nacht ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Im Zimmer ist es sehr warm, weshalb wir das Fenster öffnen und die Vorhänge nicht schließen. Deshalb kann die Straßenbeleuchtung ungehindert hereinscheinen. Das Resultat ist, es ist im Zimmer so hell, dass ich, als ich 01:30 Uhr einmal aufwache, annehme, es ist schon Tagesanbruch.
Auf der Straße vor dem Hostel knallten viele Autotüren und Passanten unterhalten sich. Ich grapsche nach meiner Brille, um die Uhrzeit auf dem Handy noch mal zu kontrollieren, weil ich mir jetzt unsicher bin. Doch es stimmt, also Augen zu und den Schlaf wieder suchen.
Tja, ich Dorfkind bin halt keine Großstadt gewohnt.
Die Nacht war trotzdem erholsam und mein innerer Wecker hat mich wie von mir gewünscht kurz vor 06:00 Uhr geweckt.

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