Tag 1 beim zweiten Versuch

07:00 Uhr, die Rucksäcke auf dem Rücken sind wir auf der Straße, denn im Hostel gibt es kein Frühstück. Nicht mal 100m weiter finden wir ein kleines Straßencafé mit einem freien Tisch im Außenbereich. Viel Platz ist nicht und so direkt an der stark befahrenen Straße auch nicht der Traum, doch vor dem Start in den Tag brauchen wir unseren Kaffee und was zu essen.
Feige wie ich bin, lasse ich Sabine rein gehen, um die Bestellung aufzugeben.
Wo ist nur mein Selbstwertgefühl geblieben? So habe ich mich doch früher nicht angestellt, wenn ich an unsere Reisen nach Italien und Schweden denke.
Als Sabine zurückkommt ist sie einfach nur begeistert von der Freundlichkeit der Menschen. Mit Englisch kam sie bei der jungen Bedienung nicht weiter und mit Zeichen ging es auch nicht so gut. Da hat sich ein Kunde hinter ihr angeboten zu übersetzen. Sabine in Englisch und er hat es dann in Französisch weiter gegeben.
Schon ein bisschen beschämend für mich, aber es regt zum Nachdenken an.
Die Frau, von der Sabine bedient wurde, bringt dann auch den Kaffee an den Tisch und entschuldigt sich, dass sie kein Englisch kann. Das sind die ersten Tropfen, die mich für die Frankreich-Tour erwärmen.

So, wir sind im zweiten Versuch dieses Jahres wieder auf dem Weg. Jetzt erst einmal zur Kathedrale von Genf. Dort erkennen wir, dass wir bisher von der Altstadt noch gar nichts gesehen haben. Leider sind in der Kathedrale jedoch Bauarbeiten im Gange und wir können sie deshalb nur von außen bewundern.

Weiter geht es über mehrere Kilometer durch städtisches Ambiente von Genf, bevor es fast übergangslos in Carouge übergeht. Jedenfalls habe ich nicht sehen können, wo die eine Stadt endet und die andere beginnt.
Erst nach Carouge laufen wir durch ländliche Umgebung und da stellt sich bei mir das Pilgerwohlfühllaufen wieder ein. Die Menschen grüßen wieder und wir wissen, wir sind auf dem Land.
Linker Hand haben wir immer einen Höhenrücken im Blick. Ob wir den wohl überwinden müssen? Nach dem Höhendiagramm im Wanderführer müssen wir von unter 400 Höhenmetern auf 800 ansteigen. Laufen vorerst aber immer parallel dazu weiter.

Vor dem Friedhof der Kirche von Compesiéres nutzen wir eine Bank zu einer Pause. Eine Frau, die durch den Friedhof läuft, spricht uns an. Leider verstehen wir nur, dass sie sich erkundigt, ob wir Pilger sind und dass sie uns einen guten Weg wünscht, als wir das bejahen.
In der Kirche holen wir uns dann einen Stempel. Danach kommen wir mit den Insassen eines Campers ins Gespräch. Der Mann auf dem Beifahrersitz entpuppt sich als Pilger aus München. Bei der Verabschiedung meint er, dass er uns bald folgen und einholen wird.
Na mal sehen, vorerst scheinen die beiden Männer noch viel Gesprächsbedarf zu haben.

Nicht weit nach Compesiéres überschreiten wir die Grenze zu Frankreich. Wie fast überall in der EU ist sie unspektakulär. Eine Warnbarke, um die der Fußweg herumführt und eine Infotafel, mit „Willkommen in Frankreich“ in Französisch, Deutsch und Englisch. Diese Hinweistafel stellt auch die in Frankreich geltenden Wanderwegzeichen, für den Jakobsweg und den Fernwanderweg, der auf weiten Strecken der gleiche ist, vor.

Wir bewegen uns jetzt fast ausschließlich durch offenes Gelände, wo uns bewusst wird, warum wir eigentlich vier Wochen früher hier unterwegs sein wollten. Bei circa 30°C im Schatten – in der prallen Sonne ist es ja noch viel mehr – tritt der Schweiß beim Laufen aus allen Poren. Eineinhalb Liter Wasser habe ich bis zu Mittag schon ausgetrunken.
Franz, der Pilger aus München, hat uns inzwischen eingeholt. Jetzt erfahren wir auch, weshalb er in dem Camper saß, denn eigentlich ist er diese Strecke bis zum nächsten Ort in Frankreich schon am Vortag gelaufen.
Weil er von München aus bis Santiago pilgern will, hat er ein A4 großes Buch für die Pilgerstempel, und seine Notizen im Rucksack. Als er am Abend auf dem Campingplatz in Neydens sein Quartier bezog, musste er feststellen, dass er in der Kirche, vor der wir ihn zuerst gesehen haben, sein Pilgerbuch liegen gelassen hat.
Zum Glück hat er auf dem Campingplatz einen Urlauber aus Deutschland kennengelernt, der ihn am nächsten Morgen zu der Kirche gefahren hat, damit er nicht wieder zurücklaufen muss. Jetzt ist er bis Neydens unser Begleiter, geht dort aber noch einmal auf den Campingplatz, um seine Wasserflasche aufzufüllen und vielleicht auch einen Mittagsimbiss zu nehmen.
Ich bin wieder einmal froh, dass ich mich entschieden habe 2,5 Liter Wasser mitzunehmen, denn so bleibt es mir erspart, schon nach einem halben Tag nach einer Auffüllmöglichkeit zu suchen. Laut dem Pilgerforum, in dem wir uns angemeldet haben, soll es in Frankreich zwar überall auf dem Weg Möglichkeiten zum Auffüllen geben, darauf verlassen will ich mich aber nicht.
Wir machen dann auch eine Pause und so ist es nicht verwunderlich, dass wenig später Franz hinter uns auftaucht. Da es jetzt fast stetig bergauf geht, sind wir langsamer unterwegs, wogegen unsere Pilgerbekanntschaft einen zügigen Schritt drauf hat.
Trotz seiner siebzig Jahre scheint er weitaus besser unterwegs zu sein als wir. Dennoch bleibt er dann an uns kleben, wobei sein Gesprächsbedarf nie zu enden scheint. Bald sind wir über seinen Lebenslauf vollumfänglich informiert. Egal ob es um seinen beruflichen Werdegang als Kriminalbeamter oder familiäre Erbschaftsangelegenheiten geht.
Interessanter für mich sind allerdings Details seines schon zurückgelegten Weges.
Franz berichtet unter anderem, wie es ihm bei der Überquerung des Haggenegg ergangen ist. Auf halber Höhe geriet er in einen Schneesturm, bei dem er kaum noch den Weg finden konnte. Mehrere Stürze auf den rutschigen Wegen bis zur Passhöhe waren die Folge des Wetterumschwungs.
Da dürfen wir uns über das Schwitzen bei unserer Überquerung im Vorjahr sicher nicht beklagen!
Auch weshalb er diese Pilgerreise unternimmt, teilt er uns mit.
Franz fühlt sich jetzt anscheinend im Zugzwang, weil er in seiner Schafskopf-Runde davon gesprochen hat, den Weg bis Santiago laufen zu wollen. Seine Kumpels taten das anscheinend als Spinnerei ab, was ihn angestachelt hat, es unbedingt durchzuziehen. Aus diesem Grund hat er schon den Winter über trainiert, wobei er auch feststellte, dass er mit Walkingstöcken am schnellsten unterwegs ist. Nun kämpft er allerdings mit einer Blase am kleinen Zeh, die nicht so recht abheilen will, weil er auch zuckerkrank ist. Sabine bietet ihm Blasenpflaster an, da er seine aufgebraucht hat.
Nachmittags laufen wir unter weit herabhängenden Ästen eines Kirschbaumes hindurch. Die Früchte sind schon reif und wir können nicht widerstehen. Ein paar wandern in unseren Mund.

Man merkt eben sehr, dass es hier wärmer und die Natur schon viel weiter ist als bei uns zu Hause.
In einem kleinen Ort kommen wir an einer öffentlichen Wasserstelle vorbei. Eine hervorragende Möglichkeit unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Ich trinke den kleinen Schluck, den ich aufgespart habe, aus und Franz stellt fest, dass er, wenn es so warm bleibt, wohl auch eine zweite Wasserflasche braucht.
Sabine meint, es wäre eine günstige Gelegenheit den Sonnenschutz zu erneuern, können wir uns doch anschließend unter dem Wasser gleich die Hände reinigen. Die Rucksäcke behalten wir gleich auf, was sich bald als ungünstigen Umstand erweist.
Ein Windstoß fegt den Beutel hinweg, in dem die Tube mit der Sonnenkreme war. Sabine hastet hinterher auf eine Rasenfläche. Sie hat ihn erwischt, kommt zurück und strauchelt auf den zwei kleinen Stufen nach unten. Seitlich auf dem Rucksack liegend kommt sie nicht mehr hoch. Franz und ich helfen ihr auf die Beine. Auf meine besorgte Nachfrage sagt sie, es sei nichts weiter passiert. Nur der Schreck hat sie gelähmt.
So ganz glaube ich ihr nicht, bei den vorsichtigen Schritten, die sie anfänglich macht. Außerdem sehe ich einige Abschürfungen an ihrem Arm, mit dem sie versucht hat sich abzufangen. Allerdings tritt dieses Ereignis bald in den Hintergrund, weil der Redefluss von Franz noch lange nicht versiegt ist.
Nun ist es nicht mehr weit bis zu unserem heutigen Ziel. Nur noch über den Höhenrücken vor uns und ins nächste Tal hinab. Auf dem Wiesenhang neben uns steht eine Herde Kühe im Schatten einer Bauminsel. Ein Auto kommt hinter uns den Feldweg heraufgefahren. Wir treten zur Seite um es vorbeizulassen, doch es stoppt. Also setzen wir unseren Weg fort.
Als ich mich noch einmal umwende sehe ich wie ein Mann aussteigt und einen Border Colli herauslässt. Der Hund bekommt einen Befehl und setzt sich umgehend in Bewegung. Wie ein Pfeil zieht er an uns vorbei. Sabine hat ihn nicht kommen sehen und erschrickt gewaltig, als der Hund neben ihr auftaucht.
Wir interessieren ihn jedoch in keiner Weise, weil er eine Aufgabe hat, die er mit Leidenschaft ausführt. Der Colli taucht unter dem Weidezaun hindurch und beginnt die Kuhherde auf die nächste Weide zu treiben. Ohne Hektik, ohne Aggressivität. Nur durch seine lauernde Haltung, in der er hinter den Rindern von einer Seite zur anderen schleicht. Ein Beispiel von hervorragender Ausbildung!
Das frische Grün ist erreicht. Ein Pfiff des Landwirtes und der Hund sprintet zurück zu seinem Herrn. Lobende Worte und ein Leckerli bekommt der Hund zum Dank, bevor er ins Auto springt.
Wir sind inzwischen auf Höhe der Kühe angekommen, die keinerlei Nervosität zeigen, weil sie wissen, es geschieht nichts zu ihrem Schaden.
Auf dem Höhenrücken laufen wir noch einmal durch ein Waldstück.

Das ist Franz, der hier mal ein Stück vor uns läuft, bevor wir in den Wald kommen.

Wie angenehm es doch im Schatten der Bäume ist. Dazu kommt noch eine Begegnung, die unsere Herzen erwärmt.
An einer Wegkreuzung, bei einem Rastplatz, treffen wir Valerie, die den französischen Pilgerweg schon in seiner ganzen Länge bewältigt hat. Sie spricht ein paar wenige Brocken Deutsch, aber auch hervorragend Englisch, was einen regen Austausch erlaubt. Von ihr erhalten wir einige wertvolle Tipps zum Weg. Das sollte uns vor allem ab der Via Podiensis helfen einfacher Unterkünfte zu bekommen.
Die Wanderführer und Listen auf den Pilgerwegwebseiten, sind oftmals nicht auf dem aktuellen Stand, die Website „www.gronze.com“ hingegen schon.
Vor allem Franz unterhält sich lange angeregt mit ihr, während sich Sabine bald auf eine Bank zurückzieht, da ihr die Füße wehtun. Eine Folge ihres Sturzes, die ich in diesem Moment noch nicht zu ernst nehme, weil Sabine es auch herunterspielt. Dass sie das tut, damit ich nicht gleich am ersten Tag wieder negative Gedanken schiebe, entgeht mir allerdings und sie gesteht mir das erst zum Ende unserer Reise.

Wir verlassen den Wald wieder und bewegen uns ein Stück über offenes Gelände bevor es hinab ins Tal geht. Von dieser Stelle aus haben wir noch einmal einen schönen Rückblick bis zum Genfer See und die Ebene, durch die die Rhône fließt. Am gegenüberliegenden Höhenrücken können wir, wie schon den ganzen Tag über, Flugzeuge beobachten, die im Sinkflug dem Genfer Flughafen zustrebten. Ein krasser Gegensatz zu unserer entschleunigten Pilgerreise.

Mont Sion, unser Tagesziel ist erreicht. Auf der Suche nach unserem Hotel fällt mein Blick auf einen hohen, spitz zulaufenden Nadelbaum. Klischeehaft geschmückt, wie die Bäume in manch weihnachtlichem Hollywood-Film, ragt er weit über einen Bretterzaun.
Sind wir hier im Weihnachtswunderland?

Nur wenige Meter an der Hauptstraße entlang und schon sehen wir das Hotel „Col de Mont Sion“ mit einem großen Parkplatz davor. Der ist vermutlich nicht nur fürs Hotel, denn linker Hand sehen wir den Eingang zum Weihnachtsdorf, das den Sommer über geschlossen ist. Die weihnachtliche Schmückung ist allerding an den Gebäuden nicht entfernt.
Viel interessanter finden wir allerdings den Verkaufsstand an der Parkplatzzufahrt. Hier werden frische Erdbeeren, Pfirsiche, Kirschen und andere Früchte angeboten. Wir entschließen uns, ein Pfund Kirschen zu kaufen. Franz nimmt Pfirsiche.
Jetzt wollen wir aber ins Hotel. Franz, der noch keine Unterkunft für diese Nacht hat, will eigentlich weiterlaufen, entschließt sich jedoch, den Preis für ein freies Zimmer zu erfragen.
Den Check-In überlasse ich wieder Sabine, weil mich die Sprachbarriere immer noch hemmt.
Was bin ich nur für ein Feigling geworden? Ich muss unbedingt an mir arbeiten!
Die nette Dame am Empfang fragt gleich, ob wir für die nächste Nacht schon etwas haben, denn es sind wohl sehr viele Pilger unterwegs. Nach ihrer Meinung könnte es deshalb schwierig werden, Unterkünfte zu finden.
Die nächsten zwei Übernachtungen hatte ich aber schon von zuhause aus gebucht. Nur für die Übernachtung vom Sonntag auf den Montag hatten wir noch nicht vorgesorgt. Ich frage in Englisch nach, wie lange sie noch Dienst hat, weil ich sie bitten will, für uns beim übernächsten Etappenziel anzurufen. Vorher möchten wir aber Duschen und Franz an die Rezeption lassen. Es bleibt genug Zeit, denn sie ist bis 22:00 Uhr da.
Unser Münchner Pilger hat ein Zimmer auf dem Gang schräg gegenüber bezogen, will nach dem Duschen aber im Dorf nach einer Gaststätte suchen, um ein kräftiges Abendessen zu sich zu nehmen. Viel wichtiger ist jedoch, dass er auch zwei oder drei „kalte“ Bier trinken kann, denn das scheint sein Lebenselixier zu sein, so oft wie wir das heute schon zu hören bekamen.
Dass die Dame an der Rezeption uns gefragt hat, ob wir was zu Abend haben wollen, nimmt er nicht ernst und zieht los. Wir begnügen uns mit den Landjägern und Brötchen, die wir in Genf noch gekauft haben, weil beim Buchen die Info kam, dass es hier kein Abendessen gibt.

Vom Schweiß befreit gehen wir noch einmal an die Rezeption und bitten die Dame für uns bei einer Gîte anzurufen, um die Übernachtung vom 31.05. auf den 01.06. fest zu machen. Sie versucht es mehrfach erfolglos bei verschiedenen Adressen. Die eine Gîte gibt es anscheinend nicht mehr und bei der anderen geht niemand ans Telefon.
Wir bekommen den Hinweis von der Frau, dass die Adressen in unserm Wanderführer vermutlich nicht mehr aktuell sind, wir aber unbedingt vorsorgen sollten, weil gerade an den Wochenenden viele Wanderer unterwegs sind.
Es ist ein bisschen frustrierend, ich beruhige mich aber mit dem Gedanken, dass wir ja die zwei nächsten Quartiere fest haben und spätestens am nächsten Tag die von Sonntag auf Montag buchen.
Von der Dame werden wir auch gefragt, ob wir ohne Probleme über die Grenze gekommen sind. Wir bejahen es und erfahren, dass dieser und andere Übergänge vermutlich demnächst geschlossen werden, weil der G7 Gipfel am Genfer See ansteht. Anscheinend haben wir da noch einmal Glück gehabt, denn diese Info war uns unbekannt.
Ein weiteres Highlight gönnen wir uns kurzentschlossen nach dem Gespräch. Den Pool des Hotels! Wunderschön erfrischend das Schwimmen im gut temperierten Wasser. Nur anschließend hält es uns nicht lange im Freien, weil ein kühler Wind aufkommt.
Im Gastraum treffen wir dann Franz wieder, der kein Restaurant gefunden hat und sich mit dem, was in seinem Rucksack war begnügte. Andere Hotelgäste wurden von der Rezeptionistin mit belegten Broten, Baquets und Käse verköstigt, was wir auch hätten haben können. Das ist Franz jetzt egal, aber ein kaltes Bier muss sein.
Wir bestellen uns auch welches und leisten ihm Gesellschaft, wobei wir erneut gut unterhalten werden. 😊
Ein wunderschöner Tag liegt hinter uns als wir schließlich zur Ruhe gehen. Sabine ist auch sehr froh, dass ihre Knöchel den Sturz anscheinend gut überstanden haben. Es gibt nur leichte Schwellungen, die sie mit Arnikatinktur behandelt.

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