
Tag 2: Die Probleme werden größer
Wie im letzten Jahr wird das um 06:00 Uhr Aufstehen für mich Alltag. Genauso wie als erster ins Bad gehen. Für um 07:00 Uhr haben wir das Frühstück ausgemacht und wir sind auch pünktlich fertig. Die Rucksäcke bis auf weniges gepackt, erwarten wir, dass wir es in unserem geräumigen Zimmer einnehmen werden. Es wird 07:15 Uhr und wir werden unruhig.
Schritte auf der Treppe herunter zu uns sind zu hören. Es klopft und die Schritte entfernen sich wieder.
„Ja, hallo?“, fragt Sabine nach.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragt die Gastgeberin von der Treppe her nach.
„Alles gut, wir sind bereit“, gibt meine Frau zurück.
„Na dann, ich warte oben schon auf Euch.“
Ein klassisches Missverständnis wegen fehlender Kommunikation. Da wir nicht durch den Haupteingang ins Haus kamen, sondern gleich durch den Garten das Zimmer betreten haben, ist uns der Wohnbereich der Familie nicht bekannt. Nach unserem Dafürhalten gehört es sich dann auch nicht, unaufgefordert in diesen einzudringen. Dummerweise war die Vermieterin am Vorabend auch ein wenig in Eile, weil sie noch einmal weg musste und hatte es versäumt uns zu sagen, dass wir zum Frühstück hoch in die große Wohnküche kommen sollen.
Nun gut, eine viertel Stunde Zeitverlust ist für uns nicht das Drama, aber für sie anscheinend schon ein wenig. Beim Essen unterhalten wir uns anfänglich auch noch sehr gut und doch bemerke ich, dass die Frau immer wieder zur Uhr blickt. Als wir dann zurück in unser Zimmer gehen, folgt sie uns gleich, weil sie die Bettwäsche abziehen und in die Waschmaschine stecken will. Wir geraten dadurch ein wenig unter Zeitdruck und unser Aufbruch gestaltet sich hektischer als gedacht.
Bei wahren Bilderbuchwetter fällt die Hektik jedoch schnell wieder von uns ab. Blauer Himmel, Sonne pur und dabei nicht zu warm, besseres Wanderwetter gibt es nicht.
Bald sehen wir auch unsere erste Pilgerbekanntschaft von Vortag auf dem Weg vor uns. Sie beschleunigt jedoch ihre Schritte als sie uns bemerkt. Ganz offensichtlich möchte sie lieber allein sein.
Das respektieren wir selbstverständlich und legen bald eine Pause bei einem schönen Aussichtspunkt ein.
Diesmal haben wir den Wanderführer vorher gelesen, weshalb wir auch wissen, dass von diesem Punkt aus ein sehr schöner Rückblick nach Romont und die ferneren hohen Alpengipfel möglich ist. Eine hervorragende Stelle um Bilder zu schießen und die Natur zu genießen.

Noch steht das Genießen im Vordergrund, was sich jedoch bald ändert.
Es geht steile Wege hinab nach Lovatens. Sabine bekommt wieder Probleme mit den Schuhen. Es reibt heftig an ihren kleinen Zehen und ihren Halluxen.
Nach Lovatens geht es noch steiler hinab nach Curtilles. Sabine kommt kaum noch voran. Sie versucht auf verschiedene Arten die Schmerzen zu verringern. Kurze Schritte und die Füße seitlicher stellen. Weite schnelle Schritte. Schuhe lockerer und kurz darauf enger schnüren. Nichts bringt wirklich Erleichterung. Sie braucht auf jeden Fall bald Erholung.
Vor der Kirche von Curtilles nutzen wir eine Bank, um gleich die längere Mittagspause einzulegen.

Sabine zieht ihre Schuhe aus, um die Probleme näher zu erkunden.
Der Schreck kann kaum größer sein.
Am rechten Ballen ist eine große aufgeriebene blutige Blase und am linken eine ebenso große, noch geschlossene Blase. Mit Blasenpflaster versucht Sabine den Schaden einzudämmen, doch der Schmerz bleibt. Die Schuhe sind trotz des Weitens immer noch zu eng.
Wir entscheiden uns, die etwas längere Wegvariante am Fluss entlang zu nehmen, weil es da keine weiteren An- und Abstiege bis Moudon geben soll. Der Nachteil, keine geeignete Rastmöglichkeit auf der ganzen Strecke. Der Weg verläuft immer zwischen Fluss und Bahntrasse eben dahin, was Sabines Füßen einerseits guttut, eine Pause wäre jedoch nicht zu verachten.

Kurz vor Moudon endlich ein überdachter Rastplatz. Leider sitzt dort schon die Pilgerin, von der wir annehmen, dass sie die Einsamkeit bevorzugt.
Meine Frau braucht aber eine Pause, weshalb wir uns trotzdem für eine Rast entscheiden.
Entgegen unserer Befürchtung bricht die Stuttgarterin nicht sofort auf. Sie hat auch Blasen an den Füßen und scheint diesmal einem Gespräch nicht abgeneigt. Es entwickelt sich bald ein reger Austausch.
Sabine zieht wieder Schuhe und Strümpfe aus und muss feststellen, dass beide Pflaster verrutscht sind. Auch die Blase am linken Fuß ist jetzt blutig offen. Selbst mit dem größten Blasenpflaster kann sie die offene Wunde nicht abdecken. Es bleibt nur die Möglichkeit, zwei davon zu verwenden.
Nicht nur meine Frau ist frustriert und fragt sich, wie es weitergehen soll. Auch ich sehe uns die Tour schon beenden.
Nach einiger Zeit entscheiden wir uns fürs weitergehen. Wider Erwarten werden wir von der Frau bis Moudon begleitet. Erst am Ortseingang trennt sie sich von uns, um in einem Markt noch etwas einzukaufen. Das müssen wir auch noch für unser Abendessen tun, wollen aber nicht den Anschein erwecken, an ihr kleben zu bleiben. Also laufen wir weiter, in der Hoffnung, dass noch eine weitere Möglichkeit kommt.
Allerdings geht es vorerst in die Altstadt, sagt die Ausschilderung. Wieder einmal den Berg hinauf, an Kirche, Burg und schönen alten Gebäuden vorbei. Alles sehr sehenswert, auch die Blicke die wir von der Höhe in die Landschaft werfen können. Für Sabines Füße sind An- und Abstieg allerdings nicht das Highlight.
Um zu einem weiteren Supermarkt zu gelangen müssen wir dann auch von der ausgeschilderten Strecke abweichen, wobei uns eine ganz fiese Baustelle vor Herausforderungen stellt. Entweder müssen wir einen großen Schlenker zurückgehen, oder durch die Baustelle an einer vielbefahrenen schmalen Umleitungsstraße entlang.
Sabine sieht noch eine Alternative, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob wir am Ende des Gewerbegebietes dann wieder über die Bahngleise und Kantonalstraße kommen. Ein Blick auf Google Maps lässt mich stark daran zweifeln, weshalb wir die Umleitungsstraße wählen.
Es verursacht schon ein wenig Herzklopfen, doch die Autos nehmen viel Rücksicht auf uns Rucksackträger. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Deutschland auch so gelaufen wäre.
Wir sind wieder auf der Strecke. Weit kann es auch nicht mehr sein. Die Gastgeberin hat extra darauf hingewiesen, dass wir nicht nach Syens hineinlaufen sollen, weil ihr Haus gleich neben dem Jakobsweg, außerhalb des Ortes steht.
Wir ziehen Google Maps zu Rate und nach Eingabe der Adresse, ist es ein Gebäudeensemble gleich neben der Bushaltestelle. Eine Hausnummer finden wir nicht, aber auf unser Klingeln kommt jemand aus dem Haus.
Schnell stellt sich heraus, dass wir falsch sind, aber erst als ein deutsch sprechendes Mädchen hinzugezogen wird, werden wir richtig aufgeklärt.
Wieder einmal sind wir übers Ziel hinausgeschossen. Ein paar hundert Meter zurück, etwas seitlich steht ein alter Bauernhof und daneben ein Einfamilienhaus. Wir sind daran vorbeigelaufen. Dahin müssen wir, können aber gleich einen Weg über die angrenzenden Wiesen nehmen, der uns direkt zum Grundstück führt. Das erspart uns noch einmal an der Straße entlang laufen zu müssen.
Dummerweise finden wir am Ende nur einen Trampelpfad, der gleich ins Gartengrundstück des Bauernhofes geht. Sollte die Unterkunft in dem alten Bauernhof sein? Nach der Beschreibung und der Hausnummer dürfte das nicht stimmen.
Wir klingeln. Keine Reaktion. Sabine blickt sich weiter um und ich gehe die wenigen Schritte die Einfahrt hoch, um das Einfamilienhaus in Augenschein zu nehmen.
Die Hausnummer passt und ich rufe meine Frau.
Mein Klingeln ist diesmal auch von Erfolg gekrönt. Die ältere Dame, die uns empfängt, ist Sabine sofort mega sympathisch, doch leider verstehen wir nichts von dem was sie sagt:
„Je ne parle pas français“, gibt Sabine entschuldigend zu.
„Je ne parle pas allemand“, ist die lachende Antwort.
Dennoch können wir uns so gut – auch mit Hilfe der Übersetzungs-App – verständigen, um die Einweisung ins Quartier zu verstehen.
Wir haben ein schönes Zimmer, mit einer angrenzenden Küche. In der steht auch schon fürs Frühstück alles bereit, was uns zeitlich unabhängig macht. Sogar Eier sind im Kühlschrank, die wir uns früh kochen können.
Den Außenbereich dürfen wir auch nutzen. Dort finden wir, in einem überdachten Bereich, Tisch Stühle und bekommen auf Nachfrage auch noch 2 Bier, die wir uns dann zum Abendessen genehmigen werden. Wir lieben es einfach zum Tagesabschluss etwas anderes als warmes Wasser zu trinken.

Ein paar verschwitzte Sachen kann Sabine auch waschen, denn sie werden bei dem schönen Wetter sicher noch trocken werden, auf dem Wäscheständer, den uns die Vermieterin gezeigt hat. Ein rundum schönes Quartier an einem schönen Frühlingsabend.

